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Aus dem gesundheitspolitischen Tollhaus

Wer keine Probleme hat, der macht sich welche. In der Gesundheitspolitik werden zwei übergeordnete Ziele immer wieder strapaziert: Kostenkontrolle und Patientenwohl. Die beiden größten Parteien benennen nahezu identische Top-Prioritäten innerhalb der Gesundheitspolitik:

„Die Gesundheitspolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion richtet sich am Wohl der Patientinnen und Patienten aus.“ Im Wahlprogramm der CDU liest sich das wie folgt „Uns leitet das Interesse der Patientinnen und Patienten“. Die Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion formuliert „Die Versicherten sowie Patientinnen und Patienten stehen stets im Mittelpunkt aller Überlegungen und Entscheidungen der SPD-Bundestagsfraktion.“

Traute Einigkeit. Umso mehr erstaunt es, dass das tatsächliche Handeln von den klar formulierten Grundsätzen abweicht. Zumindest droht dieses Szenario aktuell. Worum geht es genau?

In einer großen Gesundheitsreform wurde zum Jahreswechsel 2004 die Bezuschussung von Sehhilfen für Bedürftige weitgehend gestrichen. Diese Maßnahme diente offenkundig mehr dem Ziel der Kostenkontrolle als dem Wohl der Betroffenen. Sehr überraschend wurde nun 2017 eine Rückkehr zur Kostenübernahme für mehr Menschen mit schwerer Beeinträchtigung der Sehfähigkeit beschlossen. Dies ist ganz im Sinne des Patientenwohls, wenngleich faktisch eher auf geschickte Lobbyarbeit zurückzuführen, als auf gezielte Parteipolitik.

Aber nun wiehert der Amtsschimmel und die Lobbyverbände der Augenärzte scheinen sich gegen die berechtigten Interessen der Betroffenen durchzusetzen. Selbst in früheren, stark regulierten Zeiten war es zwar dem Augenarzt vorbehalten, erstmalig eine Brille zu verschreiben. Bei Nachkäufen konnte sich der Kunde jedoch den Gang zum Augenarzt sparen und Optiker haben die Augenprüfung durchgeführt.

Dazu muss man wissen, dass die Augenoptik einer der zutreffend vielgelobten, hochqualifizierten Berufe des dualen Bildungssystems ist, um die wir nicht ohne Grund weltweit beneidet werden. Dementsprechend war die Lösung im Sinne der Kunden. Sie hatten die freie Wahl bei Optikern und haben ohne große Wartezeit einen Sehtest und nachfolgend eine maßgeschneiderte Brille erhalten.

In der Vergangenheit hat sich das System bewährt – es gab keinerlei Probleme. Ohne dass ernsthaft nachvollziehbare Gründe vorlägen, haben die Interessenvertreter der Augenärzte nun durchgesetzt, dass in den genannten Fällen auch die „Folgeverodnung“ durch einen Augenarzt erfolgen soll. Das hätte im Falle der Umsetzung extrem negative Folgen:

Bereits ohne diese Entscheidung ist die Wartezeit bei Augenärzten meistens eher in Monaten als in Wochen zu bemessen. Das wird sich gegebenfalls weiter verschlechtern – zum Leidwesen aller Betroffenen:

  • Menschen, die wirklich augenärztliche Hilfe benötigen, werden noch länger warten müssen.
  • Stark Fehlsichtige müssen lange warten, bevor sie von den Krankenkassen eine Sehhilfe (mit-)finanziert bekommen.
  • Und zu schlechter Letzt: die Kosten für die Krankenkassen werden ohne Grund und Nutzen in die Höhe getrieben.

Nun könnte man vielleicht meinen, ich setzte mich für die Durchführung des Sehtest durch Optiker ein, weil ich als Geschäftsführer eines Optikunternehmens Geld mit Sehtests verdienen möchte. Weit gefehlt: Apollo führt den Sehtest allgemein kostenlos durch – mit hohen Standards und modernster Technik. Es geht nicht um Unternehmensegoismen und Gewinnmaximierung. Es geht darum, ein funktionierendes System nicht durch Bürokratieaufbau und Kostensteigerung zum Nachteil (fast) aller zu verschlechtern.

Noch ist nicht alles entschieden, denn der Bundesgesundheitsminister hat noch die Möglichkeit, hiergegen einzuschreiten. Insoweit ist es ermutigend, dass Ende August, trotz allen Wahlkampfs, das Bundesgesminsterium für Gesundheit eine entsprechend Rückfrage beim zuständigen „Gemeinsamen Bundesausschuss“ gestellt hat.

Also, die Hoffnung auf eine sinnvolle Lösung stirbt bekanntlich zuletzt – alles andere wäre ein Stück aus dem gesundheitspolitischen Tollhaus.


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4 Antworten : “Aus dem gesundheitspolitischen Tollhaus”

  1. Friedrich Wiemann sagt:

    dazu kommt noch, dass in den letzten Jahren vermehrt „Begleitscheine“ von Augenärzten an ihre Patienten mitgegeben wurden mit dem Vermerk: um Überprüfung durch den Optiker oder:“ nur objektive Werte“. Ausserdem empfohlen wird: die Brillenwerte lassen Sie mal beim Optiker bestimmen u.v.m.
    Zur GKV noch folgendes: in der Sparhysterie werden z.B. die
    Rollators in der billigsten Qualität bezahlt, heißt wer in einer Straße wohnt mit Pflaster oder ähnlichen Belag, kann das Gerät garnicht ruhig halten – alles wackelt usw.

  2. Barbara Stenken sagt:

    Tja,gesundheitspolitisches Tollhaus trifft es. Ich beobachte,dass die Bürger und die Politik sich immer weiter voneinander entfernen. Wir müssen die Politiker bezahlen,aber was sie letztendlich machen,geht uns nichts an. Um in der Optik zu bleiben und nicht nur da,sind momentane Veränderungen… naja… Wäre schön,wenn Veränderungen mit klaren Richtlinien übereinstimmen. Reicht ein Kostenvoranschlag für den Zuschuss der neuen Brille mit sehr hohen Glasstärken,oder doch der Augenarzt? 3 Mitarbeiter derselben Krankenkasse desselben Ortes brachte uns 3 komplett unterschiedliche Ergebnisse. Wo sind die Profis? Werden sie vielleicht ungemütlich in unserer Zeit? Unprofessionelle Mitarbeiter lassen sich leichter lenken und sind vielleicht auch günstiger ( könnte ein Grund sein). Vor einiger Zeit kam ein Teil eines Zusammenschlusses der Krankenkassen und wollte einfach mal kontrollieren,ob alle Optiker den Krankenkassensatz abrechnen dürfen ( ohne diese Qualifizierung darf kein Optiker nach Eröffnung seines Betriebes abrechnen. Das heißt,jeder Optiker,der abrechnet,hat bereits diese Qualifizierung). Auf diesen Zug ist der Rest aufgesprungen. Jeder Optiker hatte diese Präqualifizierung zu machen. Die Innung,die hilfreich zur Seite steht,kommt mit der Bearbeitung nicht hinterher. Eigentlich ist für den Optiker,außer „Zeitraub“ nichts passiert…außer mit dieser ursprünglichen Krankenkasse. Die verweigert bis heute jeden Zuschuss. Kein Optiker weiß,ob er das Geld noch bekommt. Soll er sich das vom Kunden zurückholen,der ist ja schließlich dort versichert? Wir machen es nicht,denn es ist immer mehr die „Basis“ ,die leidet oder zahlt. Man freut sich,das die billigsten Supermarktketten Bioeier verkaufen und wissen nicht,das der Eierbauer von denen 1 Cent pro Ei bekommt. Die Liste der Ungerechtigkeiten ist lang und wenn ich eins hasse und versuche zu boykottieren,dann ist es menschliche Ungerechtigkeit. Die Pharmalobby gibt sich viel Mühe,gesunde,potente Naturheilmittel möglichst weltweit zu verbieten,weil man nunmal kein Patent auf „Natur“ bekommt ( z.B. Strophantinurtinktur,schwarze Salbe gegen Brust- und Hautkrebs,cannabiole ist ein schönes Beispiel für Deutschland,Lavylite,ein sehr potentes „Kosmetikum“darf nicht in die USA exportieren,weil ein amerikanischer Pharmalobbyist vergeblich versuchte,dem Erfinder das Patent abzukaufen) mit dem Ergebnis,das fast nur noch Symptome anstelle des Ursprungs behandelt werden,mit dem Ergebnis,dass die Menschen immer kranker werden. Ich weis,wovon ich rede. Ich habe gerade meine 85jährige Freundin vom klassischen Medikamentencocktail auf Natur umgestellt mit unglaublichem Erfolg!!!! Ihr Leben ist wieder lebenswert. Und genau das ist das Problem. Die meisten Menschen möchten einfach nur in Frieden und gesund leben. Was ist dann mit der Rüstungsindustrie? Was wäre die Pharmaindustrie ohne kranke Menschen?Wie gesagt,die Liste ist lang. Warum können die Lobbyisten,Illuminti,wie auch immer man sie nennt,nicht Umdenken? Ist das zu Mühselig? Warum werden Menschen nicht gesund gemacht ( ein Problem der Rentenkassen?) und die Krankenkassen investieren in Wellness und co. Zu kompliziert? Es geht ja so,wie es ist? Falsch. Immer mehr Menschen merken,dass irgendwas total schief läuft. Tendenz ziemlich schnell steigend. Immer mehr Menschen merken,dass man ruhig sein ganzes Geld „vershoppen“ kann.Glücklicher ist man selten danach. Immer mehr Menschen merken,dass man sich noch so sehr versichern kann. Im Schadensfall kann man sich glücklich schätzen,wenn ( nach Abzug des Eigenanteils) bezahlt wird. Man geht regelmäßig zum Arzt und fühlt sich immer kranker. Ich erwarte die Zeit,wo das Auge gesund gemacht wird,anstatt den grauen Star zu operieren. Dann hätte der Arzt auch wieder Zeit,im Notfall sofort den Splitter seines Patienten aus dessen Auge zu entfernen… Ich freue mich über jeden Menschen der “ aufwacht“ und im Zeitalter des www lassen sich die verschieden Dinge zum Wohle des Menschen nicht mehr so leicht beseitigen wie in den 80ern das Kräuterbuch von Maria Treben,was verboten worden ist,weil zu viele Menschen davon gesund geworden sind… Auf jeden Fall leben wir in einer spannenden Zeit. Wir sind mündige Bürger,die sich selbst eine Meinung bilden dürfen und nicht alles willenlos glauben müssen. Diese Menschen geben mir Hoffnung und bringen mich im Alltag weiter!!!

  3. Daniel Hennicke sagt:

    Ein Paradebeispiel für Lobbyismus im deutschen Gesundheitssystem und auch ein Beispiel für die Schwäche des Bundesgesundheitsministerium bezogen auf die Verfolgung der politischen Zielrichtung „..das Wohl der Patienten steht im Mittelpunkt“. Aus Kassensicht hat keine Kasse Interesse an gesteigerten Kosten für Augenärzte. Die Kassen befinden sich in einem harten Wettbewerb. Der Service, also auch Wartezeiten bei Ärzten oder auf medizinische Leistungen werden zum Wettbewerbsvorteil, wenn man ein Lösung für „bedürftige“ findet. Da ist es doch unverständlich wenn ein System angepasst wird um das Wohl der Augenärzte zu steigern. Meines Erachtens ein Zielkonflikt und nicht kundenorientiert.

    Lösungsvorschlag: Stärkung des gesamten Gesundheitssytems durch die Nutzung von kompetenten Versorgern wie z.B. Optiker, Anbieter von Betrieblichen Gesundheitsmanagement, Physiotherapeuten, Hebammen, Heilpraktiktern etc. Ein zukunftsfähiges System sieht Perspektiven und Stärken aller Beteiligten, nicht Oppertunismus der Geldgeber.

    Anmerkung: Auch ich denke wirtschaftlich und kann rechnen. Nur manchmal hilft es das Ganze zu sehen um am Ende zu profitieren. Ziel: Der Kunde/Patient im Mittelpunkt der Dikussionen!

  4. Wilfried Hollmann sagt:

    Die Krankenkassen generieren sich gern als Versichertenvertreter, doch bei genauer Analyse
    aller Sachverhalte wird Gegenteiliges sichtbar, d. h. die Krankenkassen betreiben eine Politik zum Nachteil der Patienten, was in vielen Bereichen immer wieder sichtbar wird. Die Versorgung mit Hilfsmittel ist schon empörend schlecht. Der ehemalige Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, hat diesen Zustand massiv kritisiert. Bei der Arzneimittelversorgung setzen die Krankenkasse auf mehr Liberalismus (mehr Versandhandel), zum Nachteil der Versorgung im ländlichen Raum. Die Dorfbevölkerung wird erheblich benachteiligt, weil durch den Versandhandel Umsätze abgeschöpft werden und die Kosten für die Gemeinwohlaufgaben des Apothekers nicht mehr gedeckt werden können.
    Viele andere Beispiele ließen jetzt noch aufzählen.

    Die Ursache für dieses letztlich patientenunfreundliche Verhalten ist der Wettbewerb zwischen den Krankenkasse und damit als Folge eine Gesundheitsversorgung mit dem Blick auf die Kosten.

    Wir brauchen dringend eine wirklich am Patientenwohl orientierte Gesundheitsversorgung. Allerdings: Ich habe auch für die nächste Legislaturperiode des Bundestages nicht die Hoffnung, dass sich die Gesundheitspolitik grundlegend ändern wird.

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