Wenn es denn nur ein Sportverein wäre…

In der Stadt Strasbrüss hatten vor vielen Jahren die Vorsitzenden einiger Sportvereine eine gute Idee. Jeder einzelne Verein tat sich im Wettbewerb gegen große Sportvereine schwer. Außerdem war es auch wenig hilfreich, dass sich Nachbarn sportlich beharkten, statt die Kräfte zu bündeln, um gemeinsam im Wettbewerb zu größeren Vereinen und anderen Städten bestehen zu können.

Also tat man sich in einem Verbund zusammen. Die Vereine blieben mit ihren Vorständen formal selbständig, aber man machte einfach mehr zusammen. Man bildete Trainings- und Spielgemeinschaften, kaufte die Ausstattung gemeinsam und investierte zusammen in neue Sportanlagen. Die Freundschaft unter den Mitgliedern ehemals „verfeindeter“ Vereine wuchs und gedieh. Auch der sportliche Erfolg stellte sich ein.

Anfangs bestand der Verbund nur aus sechs Sportvereinen der Kernstadt. Je stärker die Gemeinschaft wuchs, umso anziehender wurde sie auch für die Sportvereine der Randbezirke und Nachbargemeinden. Der wachsende Zusammenschluss brachte viele Vorteile, so dass man über die gleichzeitig aufkommende Bürokratie und bisweilen endlose Diskussionen hinwegsehen konnte. Natürlich wollte jeder ehemals komplett eigenständige Verein viele seiner Besonderheiten behalten, und die anderen sollten sich ändern. Das Ergebnis waren oftmals Kompromisse, manchmal auch faule. Aber das Gesamtmodell funktionierte, es war ein Erfolgsmodell.

Vor einigen Jahren gingen die mittlerweile 15 Vereinsfürsten noch einen Schritt weiter. Wenn man schon so eng aneinander gerückt war, dann könne man doch auch wirtschaftlich „gemeinsame Sache“ machen. Man überzeugte die Mitglieder, indem man schwor, es solle keinesfalls eine Haftungsgemeinschaft werden, in der einer für die Schulden des anderen hafte. Aber dabei blieb es nicht. Im Laufe der Jahre war der Verbund der Sportvereine auf mittlerweile 28 Vereine angewachsen. 19 davon waren in der engeren Wirtschaftsunion verbunden – leider hatten sie eine sehr unterschiedliche wirtschaftliche Situation sowie Leistungsfähigkeit und auch keine strikt umgesetzten einheitlichen Finanzregeln.

In diesem wirtschaftlichen Verbund fühlten sich viele wirtschaftlich stärker, als sie es waren – und sie lebten über ihre Verhältnisse. Manch einer hatte sich mit falschen Angaben in die Wirtschaftsunion der Vereinsgemeinschaft gemogelt und unternahm nicht genug, um wenigstens nachfolgend in eine gesunde Finanzsituation hineinzuwachsen. Als die ersten Vereine wirtschaftlich in ernste Not kamen, sprangen letztlich doch die stabilen und leistungsfähigeren Vereine ein. So wurde faktisch aus dem Verbund der Sportvereine eine Haftungsgemeinschaft.

Dies sorgte zwar für einigen Verdruß, aber letztlich klappte es mit vereinten Bemühungen – auch, weil die in Not geratenen Vereine die Solidarität der anderen Vereine richtig verstanden und ihren Beitrag dazu leisteten, dass sie nicht dauerhaft auf die Finanzspritzen der anderen angewiesen waren. Sie erhöhten ihre Mitgliedsbeiträge und stellten sicher, dass diese bezahlt wurden. Sie strichen Vergünstigungen für Teile ihrer Mitglieder und sparten Ausgaben ein, indem ihre Mitglieder ehrenamtlich Arbeiten übernahmen. Privilegien von Vereinsfunktionären wurden abgeschafft und die Leistungsfähigsten der betroffenen Vereine erfolgreich um Untersützung gebeten. Alles wurde auf den Kopf gestellt und mit gemeinsamen Anstrengungen gelang es. So sind beispielsweise zwei Vereine im Süden und Nordwesten der Stadt heute auf einem guten Sanierungskurs und haben das Schlimmste überstanden.

Ein kleiner Mitgliedsverein ist diesen steinigen Weg nicht konsequent, sondern allenfalls halbherzig gegangen. Und so wurden auch die Banken, die diesem Verein hohe Kredite gegeben hatten, nervös. Auch die anderen Vereine wollten, nachdem sie bereits mehrfach mit hohen Beträgen geholfen hatten, nicht mehr bedingungslos weiter investieren. Zwar waren sie sich bewußt, dass auch sie bei den Sanierungsbemühungen nicht immer die richtigen Maßnahmen gefordert hatten. Aber andererseits hatte auch der Vereinsvorstand keine anderen, wirkungsvollen Maßnahmen definiert und umgesetzt, so wie es die Vorstände der Vereine im Süden und Nordosten der Stadt getan hatten.

Die Spannungen im Verein nahmen zu und die Mitgliederversammlung wählte in dieser Situation einen neuen Vorstand, der versprach, alles zum Guten zu wenden. Dieser Vorstand trieb es jedoch auf die Spitze. Er hielt sich nicht an getroffene Zusagen, verzögerte die Sanierungsgespräche mit den Gläubigern immer wieder, warf sie sogar aus ihrem Vereinslokal und machte unbeirrt mit dem weiter, was die Probleme verursacht hatte. Das Training fand weiter vorzugsweise abends bei teurem Flutlicht statt. Von vielen Mitgliedern wurden und werden keine Beiträge eingezogen, obwohl gerade die Leistungsfähigsten mit hohen Beträgen im Rückstand waren und sind. Die Vergünstigungen für ältere Mitglieder wurden und werden in einem viel früheren Alter gewährt, als bei den anderen Vereinen und vieles mehr. Der Vorstand des Vereins wiederholte nur selbstbewußt, wie es aus seiner Sicht nicht geht, blieb aber einen eigenen konkreten Lösungsansatz schuldig.

Als die anderen Vereine der Gemeinschaft unbeirrt auf einem verbindlichen und wirksamen Sanierungsplan bestanden, äußerte sich der neue Vereinsvorstand gegenüber seinen Mitgliedern immer emotionaler und negativer. Die Vereinsgemeinschaft terrorisiere sie erpresserisch und hätte die Banken dazu bewegt, den Geldhahn zuzudrehen. Die Sanierungsforderungen verletzten die Mitglieder in ihrer Würde, der Vereinsverbund habe die Pflicht, wesentliche Teile der Schulden bedingungslos zu übernehmen. Er habe nicht das Recht, überzogene Forderungen zu stellen. Mit anderen Worten: ein klares Nein, „zu Euren Bedingungen lassen wir uns nicht helfen, wir diktieren die Bedingungen, zu denen ihr uns zu helfen habt“.

Neben der Gemeinschaft der Vereine sind die Leidtragenden dieser Entwicklung vor allem die Mitglieder dieses Vereins. Ihre Vereinsführung hat ihnen die Ausübung des Sports unmöglich gemacht, die Situation dramatisch verschlechtert und die Mitgliedschaft gespalten. Am sportlichen Wettbewerb nimmt der Verein nicht mehr teil. Selbst die Rehabilitation-Sportkurse für Ältere und Kranke wurden gestrichen.

Da hilft es auch nichts, dass zwischenzeitlich der Kassenwart zurückgetreten ist. In erster Linie trägt der Vorsitzende die Verantwortung dafür, dass das Klima zu den anderen Vereinen zunehmend vergiftet ist. Die Errungenschaften der langen Jahre sind in kurzer Zeit ruiniert worden, auch weil die Mitglieder mit alten Stereotypen gegen die anderen Vereine und ihre Mitglieder aufgehetzt wurden. Längst zugeschüttete Gräben wurden wieder aufgerissen und das Ganze schaukelt sich wechselseitig immer weiter auf.

Die Gemeinschaft der anderen Vereine wird immer ungehaltener und mag es immer weniger hinnehmen, sich zu 80 Prozent ihrer Zeit mit den Problemen eines Vereins zu befassen, der nicht mehr als 2 Prozent der Mitglieder der Vereinsgemeinschaft stellt. Die Mitglieder wollen, dass sich ihre Vorstände wieder um die Entwicklung ihrer Vereine kümmern und die dort bestehenden Herausforderungen lösen. Daran ändert es auch nichts, dass der kleine Verein ein Traditionsverein ist, sogar das Sportvereins-Wesen mit erfunden hat und dass man ehrlich Mitleid mit den Mitgliedern des anderen Vereins hat – ihnen möchte man gerne helfen, oder zumindest helfen, sich selbst zu helfen.

Schon heute kann man sagen, dass dem Gedanken des Sports und der Gemeinschaft der Sportvereine ernsthaft Schaden zugefügt wurde. Also, es wird Zeit, dass die Vereinsgemeinschaft und der kleine Verein endlich final ihr Verhältnis zueinander klären: Vorzugsweise kommt man zur Besinnung und findet einen strukturell sauberen Weg, aber wenn es miteinander nicht vernünftig geht, dann hilft vielleicht in dieser Beziehung vorübergehend etwas Abstand.

5 Kommentare

  1. Bevor die Mitglieder des kleinen Vereines nicht wirklich verstanden haben, daß sie zu aufwendig gelebt haben wird es wohl zu keiner tragbaren Lösung kommen.
    Die gesunde Kontrolle sind hier sicher all die Vereine die in der Vergangenheit ebenso gedankenlos gelebt haben und schmerzlich erfahrenmußten, daß es so nicht weiter gehen kann.
    Der kleine Verein hat sich obendrein auch noch unkorrekt verhalten so geht man mit Partnern , die einem helfen, nicht um.
    Ein vorübergehender Abstand wäre sicher einer gute Erfahrung und der einzig richtig Schritt.

  2. Die verantwortlichen Sportfunktionäre haben die Spielregeln mangelhaft festgelegt, die Einhaltung nicht überwacht und wundern sich dann, dass es nicht funktioniert. Gelbe Karten hätte es schon längst geben müssen, bei der nächsten Gelegenheit (Funktionärswahlen) ist die rote Karte angesagt.

  3. Es sollte eine Generalversammlung stattfinden, auf der die gemeinsame Philosophie und der Zweck des Zusammenschlusses nochmals diskutiert wird und dann Konsequenzen bei Nichteinhaltung, notfalls dann ggf. nur mit Mehrheitsbeschluß definiert werden. Dies sollte in gegenseitiger Wertschätzung und Achtung, aber mit harter Konsequenz geschehen.

  4. Ein vernünftiger Neuanfang setzt Ehrlichkeit und Transparenz voraus – von allen Beteiligten. Diese ist zu wünschen, aber im aktuellen Vereinsbeispiel (leider) noch nicht zu erkennen. Sportvereine haben Mitglieder, die ggf. mit den Füßen abstimmen und den Verein wechseln können. Im Vereinsleben bleibt dann als Ultima Ratio oftmals nur die Abwicklung / Auflösung oder im besten Fall der Zusammenschluss mit einem Nachbarverein. Am Beispiel des FC Ukraine-Ost u. a. erkennt man aber, dass auch derartige territoriale Maßnahmen selten friedlich erfolgen und eine ohnehin schwierige Situation eher noch verschärfen. Was tun? Eigeninitiative fördern und fordern und ggf. auch mal aktiv Zuwarten, bis Einsichten (zur Eigenverantwortung und -initiative) gereift und eine – nicht nur finanzielle – Hilfe auch wertschätzend angenommen wird bzw. werden kann. Es drängt sich sonst der Verdacht auf, dass bereits alle „Spieler“ in die Politik gewechselt sind und sich im Verein nur noch enttäuschte Mitglieder versammeln…

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