Das Bild zeigt im Hintergrund mehrere Windenergieanlagen auf einer Wiese, im Vordergrund rechts Menschen mit agressiv-protestierende Mimik und Gestik, unter anderem mit einem Schild "Stopp Windkraft" in der Hand. In der Mitte ein stilisiertes Klemmbrett mit der Überschrift "Fakten" und einer Grafik mit einer steigenden Kurve.

Neujahrsvorsatz reloaded – über Windenergieanlagen und Populismus

Die zweite Januar-Woche nähert sich dem Ende – und viele gute Neujahrsvorsätze wurden vermutlich doch nicht in die Tat umgesetzt. Der ideale Moment für eine zweite Runde. Für einen Neujahrsvorsatz, der wirklich umgesetzt wird:

Wie wäre es, wenn wir alle gemeinsam 2026 in sozialen Medien und in der politischen Diskussion substanzloses und irreführendes Empörungsgeschrei entlarven und darauf achten, dass Tatsachen nicht verdreht, sondern zutreffend dargestellt und gewürdigt werden?

Sie finden, ich übertreibe? Sehen wir uns einen Dauerbrenner der politischen Diskussion an, die Diskussion um erneuerbare Energien, also vor allem um Windkraftanlagen und Photovoltaik. Am Ende werden Sie mir vermutlich zustimmen müssen: das Ausmaß an Populismus und faktenverdrehendem Empörungsgetöse ist unsagbar.

Wie bei vielen anderen Themen auch, fällt die AfD dadurch auf, dass sie gezielt Sachverhalte verdreht, um negative Emotionen zu wecken und Ängste hervorzurufen. Das Ganze zu dem Zweck, sich als Heilsbringerin anzubieten, die der einzige Weg zur Rettung ist. Konkret am Beispiel von Windenergieanlagen sieht das wie folgt aus:

Vorgeschobene Naturschutz“argumente“ gegen Windenergieanlagen – entgegen den Fakten

Die AfD geriert sich in der Diskussion als Verteidigerin des Naturschutzes – mit zwei Kernargumenten gegen regenerative Energien, vor allem gegen Windkraft: Einerseits wird die Zerstörung des Waldes beklagt, andererseits eine Gefahr für Tiere, insbesondere Vögel, durch Windkraftanlagen.

Vermeintliche großflächige Verdrängung des Waldes durch Windenergieanlagen

In ihrem Wahlprogramm zur letzten Bundestagswahl hat die AfD angekündigt

„Wir werden die großflächigen Naturzerstörungen durch Windkraft und Photovoltaikanlagen in Wäldern, Feldern und auf Ackerflächen sofort beenden.“

Im Bundestag hat sie dann nach der Wahl verbal nachgelegt:

„Der Ausbau der Windenergie in Deutschland führt zunehmend dazu, dass auch ökologisch wertvolle Waldflächen für die Errichtung von Windkraftanlagen genutzt werden.“

In der Sache wurde all das im Bundestag untermauert mit der Tatsachenbehauptung

„Für jede Windindustrieanlage werden eineinhalb Hektar Wald zerstört“

In Bayern formuliert die AfD

In Bayern werden immer mehr Flächen für Windräder ausgewiesen. Windparks fressen sich ins Land. 

und sie forderte im Landtag

Klimaideologie beenden – maßlosen Ausbau von Windrädern stoppen.

Und schließlich wurde im Bayerischen Landtag dann final zugespitzt formuliert:

Der Klimasozialismus muss weg, sonst haben unsere Kinder keine Zukunft“ .

Liest man all dies, dann muss man den Eindruck gewinnen, dass in Deutschland Windparks den Wald verdrängen und den Lebensraum für unsere Kinder – und damit ihre Zukunft – zerstören.

Werfen wir einen Blick auf die Tatsachen und fangen wir bei der Fläche pro Windenergieanlage an. Tatsache ist, dass die dauerhaft für eine Windenergieanlage in Anspruch genommene Waldfläche im Durchschnitt in der Größenordnung von rund 0,5 Hektar liegt, also ein Drittel der behaupteten Fläche. Außerdem werden Waldumwandlungen für die Errichtung von Windenergieanlagen aufgrund der waldrechtlichen Bestimmungen in der Regel nur mit der Maßgabe einer entsprechenden Ersatzaufforstungen genehmigt. Selbst wenn man Ersatzaufforstungen außer Acht lässt ist der Anteil der mit Windenergieanlagen belegten Fläche an der Gesamtwaldfläche Deutschlands bei rund 0,01%.

Das zeigt, wie irreführend und unredlich übertrieben es ist, von „maßlosem Ausbau von Windrädern“ zu sprechen, davon, dass Windparks sich „ins Land fressen“ und großflächig die Natur zerstört wird.

Betrachtet man die insgesamt durch Photovoltaik und Windenergieanlagen in Anspruch genommenen Flächenanteile in Deutschland, so ergibt sich folgendes Bild:

Durch Photovoltaik werden deutschlandweit ca. 45.000 Hektar belegt, das ist ca. 0,1% der Landfläche. Die meisten Photovoltaikanlagen nutzen Dächer, also ohnehin belegte Fläche. Für Windkraft sind es insgesamt ca. 14.000 Hektar, also weniger als 0,05% der Gesamtfläche, und das schließt Zufahrten etc. ein. Damit wird übrigens für Windkraftanlagen weniger Fläche genutzt, als für die Anzucht von Weihnachtsbäumen und für Photovoltaik weniger als für Golfplätze. Über 80% der Fläche Deutschlands sind Wald und Landwirtschaftsflächen – nur um die Größenordnungen und Relationen aufzuzeigen.

In Summe kann man festhalten, dass das Bild, welches die AfD vom Flächenverbrauch zeichnet, grob falsch und irreführend ist. Es will Empörung erregen, ignoriert aber die Fakten.

Vermeintliche schwere Schädigung der Tierwelt durch Windenergieanlagen, bis hin zum Aussterben einzelner Tierarten

Das zweite auf Naturschutz bezogene Argument gegen Windenergieanlagen bezieht sich auf den Schutz der Tierwelt. So formuliert die AfD in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025

Windenergieanlagen stellen grundsätzlich eine Gefährdung für Pflanzen und Tiere sowie eine Beeinträchtigung der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen dar. Insbesondere der Tod von Vögeln, Fledermäusen und Insekten wird als Kollateralschaden der linksgrünen Energietransformation in Kauf genommen. Folgen daraus sind Bestandsrückgänge, die zum Aussterben geschützter Arten führen können.

Später sprach die AfD im Parlament ebenso martialisch wie effektheischend von

Monsteranlagen, die Vögel schreddern

Und die AfD Bayern behauptet im Wahlprogramm zur Landtagswahl 2023 in Bezug auf Windenergieanlagen

Des Weiteren schaden sie den Beständen vieler Tierarten enorm.“

In dieser Linie ist auch ein Antrag der AfD im Bundestag, der Ende 2025 überschrieben wurde mit

Zerstörung der Lebensräume verhindern – Wind- und Photovoltaikindustrie zurückdrängen

Wie sieht die Realität aus, was sind die Fakten?

Wenn selbst der Naturschutzbund NABU und der BUND sich grundsätzlich für Windenergie aussprechen, wenn auch nach Standort differenzierend, dann spricht einiges dafür, dass die Situation nicht so dramatisch ist.

Um es besser einzuordnen: Es gibt anerkannte Schätzungen, denen auch die AfD nicht erkennbar widerspricht, wonach jährlich ca. 100.000 Vögel durch Windenergieanlagen sterben. Natürlich ist das sehr bedauerlich. Gleichwohl ist es wichtig, diese Zahl richtig einzuordnen. Zum Vergleich: Sowohl durch den Straßen- und Bahnverkehr als auch durch Hauskatzen wird jährlich jeweils eine zweistellige Millionenzahl an Vögeln getötet – ebenso wie durch Pestizide. Wenn es der AfD also wirklich um Vogelschutz ginge, dann wäre es um ein Vielfaches wirkungsvoller, wenn sie einen Gesetzesvorschlag zum Verbot von Hauskatzen einbrächte.

Davon zu sprechen, dass Windenergieanlagen mit ihrem niedrigen Flächenverbrauch und der vergleichsweise geringen Auswirkung auf Vögel „den Beständen vieler Tierarten enorm schaden“ und ein Bild vom Aussterben geschützter Arten zu zeichnen, ist eine bösartige Verdrehung der Tatsachen, die erneut nur darauf abzielt, Empörung zu erzeugen und Ängste hervorzurufen, um durch Täuschung Stimmen zu gewinnen und politische Macht zu erlangen.

Energiesicherheit – Fehlinformation und maßlose Übertreibung

Das zweite große Argument der AfD gegen die Nutzung regenerativer Energien ist Energiesicherheit. In Bezug auf die Versorgungssicherheit werden von der AfD immer wieder Horrorszenarien gemalt und eine aus Sicht von Fachleuten unangebrachte Angst vor Blackouts geschürt.

Der „harmlose“ und zunächst plausibel klingende Einstieg in die Argumentation ist beispielsweise diese Aussage der AfD in Baden Württemberg:

Denn Wind und Sonne sind keine verlässlichen Energiequellen, auf die ein hochindustrialisiertes Land wie das unsere setzen kann. Wind bläst nicht immer und Sonnenschein ist auch ein limitiertes Gut.

Dass der Wind nicht immer bläst und die Sonne nicht immer Photovoltaikstrom liefert, bestreitet niemand – es heißt aber eben auch nicht, dass man diese Energieformen nicht dann nutzen sollte, wenn sie zur Verfügung stehen.

Eine Stufe weiter geht die nachfolgende Äußerung der AfD Fraktion im Bundestag:

Vielleicht, weil Polen – ähnlich wie die Franzosen – plant, uns teuren Strom zu verkaufen, wenn unsere subventionierten Solar- und Windanlagen mal wieder streiken. Immer dann, wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint, werden wir auf importierten Strom angewiesen sein – zu Preisen, die uns bluten lassen.

In die gleiche Richtung zielt die Behauptung der AfD im Bundestag gegen den Ausbau von Windkraft „Um zu verhindern, dass das Stromnetz zusammenbreche, müsse überschüssiger Strom tagsüber gegen Gebühr ins Ausland abgegeben und nachts teuer wieder zugekauft werden.

Ton und Zielrichtung stimmen überein. Es geht darum, drastisch schlimmste Folgen und höchste Risiken herbeizureden, um sich als Heilsbringer zu positionieren. Es wird der Eindruck erweckt, dass die Stromnetze unsicher sind, die Produktion komplett unbalanciert und dass nur die AfD dieses Chaos durchschaut hat und lösen kann. Diese Art der Argumentation geht bis auf die kommunale Ebene herunter, wie ein Beispiel aus dem Chiemgau zeigt.

Doch wie sieht es mit den Fakten aus? Wieviel Strom kaufen wir von Frankreich und welche Probleme verursachen Dunkelflauten wirklich?

Die jährliche Zahl der Dunkelflauten nach Definition des Fraunhofer Instituts (also weniger als 10% der Nennleistung aus Solar und Windkraft verfügbar für mehr als 48 Stunden) konnte man in den letzten zehn Jahren jeweils an einer Hand abzählen – und die Situation konnte jeweils durch passende Maßnahmen abgefedert werden.

Zur Erläuterung: Um diese Residuallast abzudecken, kann neben Stromimporten auch die kontinuierlich stark wachsende Speicherkapazität genutzt werden sowie die Energieerzeugung durch konventionelle (Reserve-) Kraftwerke. Kurze Engpässe können oft zumindest teilweise durch gespeicherte Kapazitäten (oft regenerativ generierter Strom) abgefangen werden. Je länger der Engpass dauert und je intensiver er ist, um so stärker werden konventionelle (Reserve-) Kraftwerke und auch Importe genutzt. Dabei steht es außer Frage, dass hierfür auch in der Zukunft Anstrengungen unternommen werden müssen. Ebenso richtig ist, dass diese Energiequellen ohne die Nutzung regenerative Energiequellen noch intensiver in Anspruch genommen werden müssten.

Das bei der AfD beliebte Mantra, wir könnten nur der Katastrophe entgehen, weil wir aus Frankreich Atomstrom importieren, geht an den Tatsachen vorbei und zeichnet ein Zerrbild des Europäischen Stromhandels:

Die Stromimporte aus Frankreich liegen bei unter 3% unseres Gesamtstromverbrauchs. Alle Im- und Exporte Deutschlands über alle europäischen Länder liegen zusammengefasst netto bei unter fünf Prozent und in 2025 unter dem Wert von 2024, trotz des hohen Anteils der Energieerzeugung aus regenerativen Quellen.

Nur am Rande sei angemerkt, dass die meisten Stromimporte 2025 nicht aus Frankreich kamen, sondern aus Dänemark – wo der Strom überwiegend aus regenerativen Energiequellen erzeugt wird (in 2025 rund 70% Solar und Windkraft, plus Biogaskraftwerke) . Nimmt man die Importe aus Norwegen (nahezu ausschließlich Wasserkraft) und den Niederlanden (über 50% regenerativ, nur ein Kernkraftwerk) hinzu, so liegen die Energieimporte aus diesen Ländern um den Faktor 2,5 höher, als die aus Frankreich.

Richtig ist, dass wir einen Europäischen Strommarkt haben. Dabei ist es keineswegs so, dass Deutschland nur importieren würde – beispielsweise haben wir 2025 nach Österreich mehr Strom exportiert, als wir von Frankreich importiert haben. All dies dient auch der Stabilität unserer Energieversorgungsnetze.

Und noch einige Fakten zur Energieerzeugung:

In Deutschland wurden 2025 knapp 60% der Energie aus regenerativen Quellen erzeugt, fast das Doppelte gegenüber vor zehn Jahren. Energiequelle Nummer eins ist Wind, Nummer zwei Solar und erst an dritter Stelle folgt Gas.

Wichtig ist zudem, dass nicht nur die installierte Leistung für Solar- und Windenergie wächst, sondern auch Energiespeichersysteme ein deutlich überproportionales Wachstum aufweisen – was die Versorgungssicherheit weiter erhöht und auch den Grad der „Energieautarkie“ durch Selbstnutzung erhöht.

Auch insoweit zeigt sich also, dass die Scheinargumente der AfD nur auf Empörung und Emotionalisierung abzielen, aber die Fakten dabei ignorieren oder verdrehen.

Unsinnige Forderung als Konsequenz des Empörungspopulismus

Der nächste Schritt der politischen Arbeit der AfD ist es dann, wie sie es bei vielen Themen macht, für eine komplexe Situation eine scheinbar einfache Lösung anzubieten. Und die hat die AfD Spitzenkandidatin Alice Weidel im Januar 2025 auf dem AfD-Bundesparteitag im sächsischen Riesa formuliert:

Wir reißen alle Windkraftwerke nieder! Nieder mit diesen Windmühlen der Schande!”

Hierzu sagt die Fachleute der Energiewirtschaft

Die Aussage von Frau Weidel ist völlig destruktiv. Die Wortwahl „Windmühlen der Schande“ ist nicht nur unpassend, sondern verzerrt auch grundlegende Fakten und geht damit an der aktuellen Debatte vorbei. … Wir fordern Frau Weidel dazu auf, sich der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte zu stellen, die auf Fakten und Lösungsfindung ausgerichtet ist

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht, wie Martin Braun, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE es formuliert, dass ein Rückbau von Windkraftanlagen nicht nur aus klimatechnischer Sicht keinen Sinn ergibt, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Denn funktionierende Windkraftanlagen produzieren nicht nur emissionsarmen Strom, sondern auch günstigen:

Die Stromgestehungskosten für Windkraftanlagen an Land liegen bei wenig mehr als der Hälfte derer für Gaskraftwerke und noch viel niedriger im Vergleich mit Kernkraftwerken – selbst vor den Kosten der ungeklärten Endlagerung.

Die AfD hat auch keine Antwort auf die Frage, wie sie bei einem Abbau der Windanlagen das fehlende Drittel der aktuellen Energieversorgung abdecken möchte und woher das Geld dafür kommen soll, mit dem getätigte Investitionen vernichtet und neue Investitionen (in was auch immer) getätigt werden. Passend dazu kann Frau Weidel auch in Interviews ihre Behauptungen weder mit Tatsachen belegen, noch zu Tatsachen, mit denen sie konfrontiert wird, eine schlüssige Aussage tätigen – es ist reiner Populismus und Empörungsgetöse, wie Faktenchecks zeigen.

Die von der AfD vorgeschlagene Maßnahme ist also in der Herleitung falsch und im Ergebnis destruktiv und kontraproduktiv.

Leider kein Einzelfall

Mir geht es in diesem Blogartikel nicht primär inhaltlich um Energiepolitik. Und ich möchte auch nicht sagen, dass man über Energiepolitik nicht diskutieren kann, dass alle Windenergieanlagen an der richtigen Stelle stehen und die Regierungen alles richtig machen. Auch ich sehe viele Ansatzpunkte zum kritischen Hinterfragen:

Beispielsweise, warum wir es nicht geschafft haben, vom Innovator der Photovoltaik auch zum nachhaltigen Produktionsführer zu werden. Und warum wir nun auch bei der Reglertechnologie deutsche Unternehmen wie SMA nicht stärker fördern, um zu vermeiden, dass wir uns morgen nicht nur darüber wundern, dass unsere Nahverkehrsbusse aus China ferngesteuert werden können, sondern auch unsere Energieversorgung. Oder aber auch über die Frage, wie wir den Bedarf an Residuallast abdecken und was die richtige Reserve-Engergiequelle ist. Und wie schaffen wir es schnell, die Speicherkapazität der wachsenden Elektroautozahl durch bidirektionales Laden zu erschließen?

Punkte zur Diskussion gibt es viele. Aber bitte immer mit sachlichen Argumenten. Durchdacht und mit einem konstruktiven Lösungsansatz. Und genau das ist bei der oben aufgezeigten Art des Empörungspopulismus nicht der Fall.

Leider ist diese Art der politischen Agitation kein Einzelfall. Sie ist Markenkern der AfD und bewusst eingesetzt, um politische Macht und Mandate zu gewinnen. Und während es bei der Energiepolitik um vergleichbar greifbare ökonomische und ökologische Fragen geht, erhält die Diskussion bei der Frage des Umgangs mit Menschen aus anderen Ländern eine Dimension, die die Grundfeste unserer Verfassung angreift. Insofern ist das Beispiel der Energiepolitik ein vergleichbar harmloses – aber eines, das pars pro toto steht.

Wer möchte, dass sachgerechte Entscheidungen getroffen werden, dass unsere demokratische Grundordnung und unsere freiheitlichen Werte geschützt werden, der ist aufgerufen, dieser politischen Unkultur entgegenzutreten. 2026 wird ein Wahlkampfjahr, eingeleitet durch die Landtagswahlen in Baden Württemberg und die Kommunalwahlen in Bayern am 8. März; vier weitere Landtagswahlen werden folgen. Und damit ist 2026 ein gutes Jahr, um den eingangs formulierten Vorsatz umzusetzen:

Lassen Sie uns alle gemeinsam 2026 in sozialen Medien und in der politischen Diskussion substanzloses und irreführendes Empörungsgeschrei entlarven und darauf achten, dass Tatsachen nicht verdreht, sondern zutreffend dargestellt und gewürdigt werden.

6 Kommentare

  1. Ich durfte Sie lieber Hr. Dr. Ehmer zu Ihrer Zeit bei Electronicpartner kennenlernen und habe positive Termine in Erinnerung. Dies ist mitunter auch der Grund, weshalb ich Ihrem Blog folge.

    Ihre fachliche Auseinandersetzung schätze ich sehr und halte es für wichtig, populistische Vereinfachungen – unabhängig von ihrer politischen Herkunft – kritisch zu hinterfragen. Gerade deshalb möchte ich dem vorliegenden Text nicht mit einer Gegenmoralisierung begegnen, sondern mit einer systemischen und energiewirtschaftlichen Perspektive, die aus meiner Sicht in der Argumentation zu kurz kommt. Meine Einwände richten sich weniger gegen einzelne Zahlen als gegen die ausgeblendeten Grundprobleme, die für das Gelingen oder Scheitern der Energiewende entscheidend sind.

    Zunächst fällt auf, dass der Text erkennbar nicht als neutrale Analyse, sondern als politische Gegenposition zur AfD konzipiert ist. Das ist legitim, ersetzt jedoch keine sachliche Auseinandersetzung mit realen Strukturproblemen. Die wachsende Stärke der AfD erklärt sich meines Erachtens weniger aus der Qualität ihrer Vorschläge als aus der Tatsache, dass zentrale Fragen von den etablierten Parteien und ihren Unterstützern nicht überzeugend beantwortet werden. Wer diese Fragen primär moralisch delegitimiert, statt sie technisch und ökonomisch zu beantworten, verstärkt Polarisierung statt sie zu reduzieren.

    Unstrittig ist, dass Wind- und Photovoltaikanlagen nach ihrer Errichtung sehr niedrige Grenzkosten haben (Man hört regelmäßig das Argument: “Die Sonne schickt keine Rechnung”). Entscheidend sind jedoch nicht die Grenzkosten der Stromerzeugung, sondern die Systemkosten. Mit steigendem Anteil volatiler Erzeugung wachsen Netzausbaukosten, Kosten für Redispatch, Abregelung, Reservekraftwerke (Fixkosten bleiben hier) und Speicher überproportional. Allein die deutschen Netzentwicklungspläne gehen bis 2045 von Investitionen im Bereich von mehreren hundert Milliarden Euro aus. Diese Kosten sind real und systemisch – sie lassen sich nicht mit dem Hinweis auf „kostenlosen Strom“ relativieren.

    Ähnlich verkürzt ist der Verweis auf Ersatzaufforstungen: Rechtlich mag Kompensation erfolgen, ökologisch ist sie nicht gleichwertig. Alter Waldbestand, Bodenstruktur, Biodiversität und Kohlenstoffbindung lassen sich nicht kurzfristig reproduzieren.

    Der zentrale Punkt bleibt jedoch die Speicherproblematik, die im Text nicht ausreichend adressiert wird. Kurzfristige Schwankungen lassen sich heute bereits puffern, mit erheblichen Investitionen kann man Speicher für Stunden oder wenige Tage weiter ausbauen. Für ein Industrieland wie Deutschland ist das jedoch nicht ausreichend. Das strukturelle Problem ist die saisonale Diskrepanz: hohe Solarerträge im Sommer, hohe Nachfrage im Winter. Deutschland verbraucht rund 500–550 TWh Strom pro Jahr, mit deutlich höherer Winterlast. Batteriespeicher sind physikalisch und ökonomisch nicht geeignet, Energie über Wochen oder Monate zu speichern. Pumpspeicherwerke wären theoretisch eine Option, sind aber praktisch ausgeschlossen: Deutschland verfügt derzeit über rund 37 Pumpspeicherwerke mit einer Gesamtspeicherkapazität von unter 40 GWh. Für eine saisonale Speicherung wären Größenordnungen im Bereich von mehreren zehntausend Anlagen erforderlich – topografisch (und gesellschaftlich?) (un-)möglich? Wasserstoff und Power-to-X-Konzepte werden oft als Lösung genannt, weisen jedoch Gesamtwirkungsgrade von teils unter 30 % auf, sind extrem kostenintensiv und erfordern eine Infrastruktur, die frühestens in Jahrzehnten im industriellen Maßstab verfügbar wäre. Eine belastbare Lösung für saisonale Speicherung existiert absehbar nicht.

    Selbst unter der Annahme, dass dieses Speicherproblem technisch gelöst wird, bleibt die ökonomische und globale Dimension. Fossile Energieträger werden auf dem Weltmarkt gehandelt. Wenn Europa seine Nachfrage reduziert, sinken die Preise auf dem Weltmarkt. Förderländer stellen ihre Förderung deshalb nicht ein, sondern verkaufen zu niedrigeren Preisen an andere Abnehmer. Der Effekt ist bekannt als Carbon Leakage: Die Emissionen verlagern sich geografisch, verschwinden aber nicht. Förderländer werden ihre Förderung erst einstellen, wenn ihre Verkaufspreise nachhaltig unter den Extraktionskosten liegen.

    Kurz- bis mittelfristig ist der globale Klimaschutzeffekt europäischer Alleingänge daher gering. In der Konsequenz wirken hohe Subventionen für die Errichtung von regenerativen Energie- und Infrastrukturanlagen und die daraus resultierenden steigenden Energiekosten in Europa wie eine Konjunkturspritze für internationale Wettbewerber. Durch die hohen Energiekosten genießen sie einen Wettbewerbsvorteil.

    Konsequent zu Ende gedacht hätte Klimaschutz nur dann einen direkten Effekt, wenn fossile Energieträger global nicht mehr verbrannt würden. Theoretisch ließe sich das sogar erreichen, indem gefördertes Öl und Gas nicht verbrannt, sondern dauerhaft eingelagert würden. Das ist politisch kaum vermittelbar und ökonomisch extrem teuer, aber logisch stringenter als viele heutige Maßnahmen. Realistischer wäre letztlich nur ein breiter internationaler “Klimaclub”, in dem große Emittenten synchron und verbindlich ihre Nutzung fossiler Energien reduzieren. Ohne eine solche Koordination bleiben nationale oder europäische Maßnahmen teuer, industriepolitisch riskant und klimapolitisch begrenzt wirksam.

    Mein Fazit ist daher nicht, dass Klimaschutz falsch oder verzichtbar wäre. Er ist notwendig. Aber er muss global wirksam, technisch realistisch und ökonomisch tragfähig sein. Eine Argumentation, die zentrale systemische Probleme ausblendet und stattdessen moralisch zuspitzt, überzeugt weder technisch noch politisch – und trägt am Ende eher zur gesellschaftlichen Spaltung bei, als sie zu überwinden.

    1. Lieber Herr Derse, herzlichen Dank für Ihre ausführliche und sehr differenzierte Antwort.

      Gerne möchte ich hierzu zwei Anmerkungen machen:

      1) Mir ging es, wie ich im Text auch erwähnt habe, gerade nicht primär um die inhaltliche Erörterung der energiewirtschaftlichen Fragen, sondern darum, an diesem Beispiel zu zeigen, wie unseriös die politische Argumentation und Arbeitsweise der AfD ist.

      Vielleicht habe ich es in meinem Artikel nicht deutlich genug gemacht, daher nutze ich diese Gelegenheit der Antwort, nochmals ausdrücklich zu betonen, dass der inhaltliche Gegenstand meines Blogbeitrags nicht die realen strukturellen Herausforderungen der Energieversorgung sind. Und ich wollte auch ausdrücklich nicht sagen, dass alles gut ist und problemlos „in die richtige Richtung läuft“. Daher hatte ich auch auf die auch aus meiner Sicht noch nicht hinreichend beantwortete Frage hingewiesen, wie der nicht regenerativ abgedeckte Energiebedarf gedeckt werden soll und wie es uns gelingt, Speicherkapazitäten auszubauen – ein Beispiel hatte ich genannt.

      Ihre (viel differenzierter und sachliche) Kritik an der aktuellen Energiepolitik zeigt, dass das richtig ist, was ich bewusst auch ausgeführt habe: Man kann sehr wohl über Energiepolitik diskutieren, aber bitte eben sachlich, und nicht populistisch und mit Unwahrheiten.

      2) In der Sache hätte ich zu einigen Ihrer Argumente zumindest gut vertretbare Gegenargumente, aber ich möchte den Diskussionsschwerpunkt nicht verschieben. Es gibt zahllose fachlich fundierte Beiträge zur energiepolitischen Diskussion, die dies kompetenter übernehmen, als ich es kann. Daher erlaube ich mir nur den Hinweis, dass ich selbstredend nicht so naiv bin, zu glauben, die Speicherkapazität könnte allein durch Pumpspeicheranlagen geschaffen werden. Ich hatte auch nicht, wie sie es zu Recht kritisieren, verkürzend mit „regenerativer Strom ist kostenlos“ argumentiert. Richtig ist, dass es um Gestehungskosten und Systemkosten geht. Es geht sogar um mehr als Kosten, es geht auch um Abhängigkeiten und Systemsicherheit in Zeiten geopolitischer Verwerfungen. In Summe also eine sehr komplexe Frage, die zwar spannend ist, aber eben hier nicht im Fokus stand.

      Lieber Herr Derse, lassen Sie uns die inhaltliche Diskussion damit abschließen und hoffentlich übereinstimmen:

      Die Herausforderungen sind in der Energiepolitik ebenso komplex wie in vielen anderen Politikbereichen. Wir sollten sie sachlich und lösungsorientiert diskutieren und all denjenigen, die unseriös argumentieren und populistisch auf Empörung abzielen, um politische Macht und Mandate zu gewinnen, die rote Karte zeigen. Denn sie leisten keinen Beitrag zur Lösung der Herausforderung.

      Beste Grüße, Ihr Jörg Ehmer

  2. Hallo Herr Dr. Ehmer,
    ich neige zur Vereinfachung sagen meine Freund(inen), diesmal schaue ich über den Tellerand
    nach Holland, wo man einen einfachen Ansatz gefunden hat, der auch bei uns funktionieren würde. Immer wenn ein Windrad an der Küste gebaut wurde, wurde im Vorfeld die Gemeinde
    eingebunden und angebunden. Das heißt, die Bürger haben immer von den Windräder profitiert.
    Im Netzausbau können die Querschnitte kleiner bleiben. So hat es in den Niederlanden kaum mal Proteste gegeben. Es gibt weniger Neid und weniger Feldhamster. – Wir sollten uns ein Beispiel nehmen. –
    Das gleich gilt für die großen Photovoltaik anlagen – gerade bei uns “Wirtgen Invest” will in Rahms 16 ha bauen – wenige werden finanzielle Vorteile haben – nun gibt es seltene Lerchen.

    Die Deutsche Gesellschaft wandelt sich ins negative – In anderen europäschen Ländern sehe ich deutlich mehr Gemeinschaft und Gemeinwohl – Schade

  3. Danke für Ihren Kommentar, sehr geehrter Herr Wagner. Gerne signalisiere ich Zustimmung. Wenn wir mehr miteinander reden und vor allem einander zuhören, dann finden wir eher sachlich gute Lösungen, die in der Sache helfen und im Umgang miteinander befrieden.
    Beste Grüße, Ihr Jörg Ehmer

  4. Lieber Dr. Ehmer.
    Vielen Dank für diesen Blogbeitrag. Ich stimme Ihnen in Ihrer Analyse zu.
    Leider ist das Problem aber mittlerweile größer als nur AfD.
    Die Polarisierung und Emotionalisierung von politischen Debatten greift quer durch die Lager immer mehr um sich und (a)soziale Medien spielen dabei leider eine eher destruktive Rolle (ich würde sogar behaupten, sie sind Brandbeschleuniger).
    Polarisierung lebt von Aufmerksamkeit und deshalb glaube ich, dass die Lösung darin besteht, dass wir den Polarisierern weniger Aufmerksamkeit geben und uns stattdessen mehr auf die “stille Mehrheit” konzentrieren. Es ist ja zum Glück immer noch so, dass 75% der Wähler nicht AfD wählen. Was wollen diese Menschen, was brennt ihnen auf der Seele? Hier sollten unsere politischen Debatten ansetzen. Dazu folgender Link (Bundeszentrale für politische Bildung):
    https://www.bpb.de/mediathek/video/261904/bart-brandsma-ueber-die-dynamik-von-polarisierung/

    1. Lieber Herr Grossmann, herzlichen Dank für Ihren Kommentar und auch für den Link zu einem wirklich guten Beitrag.

      Sie haben Recht, die immer stärkere Polarisierung ist ein gravierendes Problem unserer Gesellschaft. Eine der Ursachen ist sicherlich auch die Art und Weise, wie Soziale Medien in ihrer Anonymität funktionieren. Und damit meine ich nicht nur (aber auch) die Algorithmen, die das Aufschaukeln unterstützen und durch Meinungsblasen Zerrbilder der Realität hervorrufen.

      Ich befürchte, den Polarisieren weniger Aufmerksamkeit zu widmen, ist allenfalls ein Teil der Lösung – denn fernab von der Aufmerksamkeit schaukelt es sich in Blasen weiter hoch und wir verlieren noch mehr Menschen an diesen unsäglichen Spaltungs-Populismus. Daher zielt mein Beitrag auch darauf ab, einen kleinen Teil der Wirkmechanismen und der manipulativen Entwicklung aufzuzeigen.

      Mein Unbehagen ist auch an einer anderen Stelle begründet. Wir alle kennen den Spruch “Wenn der Klügere immer nachgibt, obsiegt am Ende das Dumme”. In Anlehnung daran neige ich zu dem Gedanken “Wenn man die Agitatoren und Spalter unwidersprochen agieren lässt, dann setzen sie sich am Ende durch”.

      Die schwierige Frage ist, und da stimmen wir sicher überein, wie man die Menschen, die rationalen Argumenten nicht zugänglich sind und auf dem Weg zum Abdriften sind, davon abhalten kann, ständig ihre eigenen Grenzen zu verschieben und am Ende Teil der Hetz-Maschine zu werden. Dafür ist es sicher wichtig, ehrliches Interesse zu zeigen und zu hinterfragen, woher die Unzufriedenheit kommt und was die Menschen wirklich bewegt. Das ist bei vielen Menschen viel zielführender, als selbst die Polarisierung zu verstärken. Es ist also aus meiner Sicht die Wanderung auf einem feinen Grat – zwischen Widerspruch und Flagge zeigen einerseits und einer ihrerseits Polarisation fördernden Antwortform, die das Gegenteil von dem bewirkt, was man bewirken möchte.

      Ein letzter Gedanke: Sie haben Recht, der überwiegende Teil wählt nicht die AfD. Verflogt man die öffentliche Diskussion, so drängt sich aber manchmal ein falsches Bild der Mehrheitsverteilung auf – weil diejenigen, die hetzen und auf Emotionalisierung und Empörung zielen, überproportional wahrnehmbar sind. Daher denke ich, dass gelegentlich auch ein sehr klares Signal erforderlich ist, wer die Mehrheit ist, und wer nicht. Ja, das ist letztlich polarisierend, aber eben auch Orientierung gebend.

      Nochmals Danke für Ihren Diskussionsbeitrag.

      Beste Grüße, Jörg Ehmer

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