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Schulsport – ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen?

Manchmal sind es ja die scheinbaren Kleinigkeiten, die Veränderungsprozesse erkennbar machen. So ging es mir am Wochenende, als einer meiner drei Söhne sagte „morgen habe ich Sport – Mist“. Das konnte ich nicht wirklich verstehen, ist der Filius doch leidenschaftlicher Sportler und verbringt nicht nur die Wochenenden in Sporthallen und auf Sportplätzen. Was ich auf mein „Wieso das denn, was macht ihr denn in Sport?“ hörte, öffnete mir die Augen. Der Dialog verlief ungefähr so:

„Wir spielen Völkerball oder etwas ähnliches, wie immer – und wenn man zu fest wirft, gibt es Ärger“.

„Wie, ihr spielt immer Völkerball oder so? Kein Geräteturnen?

„NEIN!“

„Heißt das, ihr habt noch nie am Barren geturnt?“

„Was geturnt?“

„Barren – das ist das Ding mit den zwei Holmen!“

„Nein.“

„Am Seil hochklettern, Zirkeltraining oder Reckturnen, Seilspringen oder Bodenturnen?“

„Nein.“

„Und Sprung, Pferd oder Kasten?“

„Kasten?“

„Ja, Kasten, das Ding, das man aufeinanderstapelt und das obendrauf ein Lederpolster hat.“

„Ach so, nein. Ich glaube, das ist unserer Lehrerin zu gefährlich.“

„Dann habt ihr ja das Beste verpasst: Wenn der Unsportlichste anläuft, abspringt, hängenbleibt und mit lautem Getöse den Kasten umschmeißt…“

„?“

„!. Wie sieht es mit Fußball aus?“

„Haben wir mal vor einiger Zeit gespielt. Aber da hatte ich großen Ärger, weil ich zu fest geschossen habe und den Ball nicht mal den Mädchen zugespielt habe.“

„?“

„Na ja, Papa, bei uns macht im Sport 50 Prozent das Sozialverhalten aus, und da ist es halt wichtig, dass man auch den Schlechteren den Ball zuspielt – das Ergebnis ist nicht so wichtig…“

„??? Und was ist, wenn Du den Ball einfach zu demjenigen schießt, der frei vor dem Tor steht und das Ding versenkt?“

„Dann gibt es Ärger und ich muss mich auf die Bank setzen und zusehen“.

„Also wenn sich bei uns jemand im Sport daneben benommen hat, dann musste er Liegestütz machen oder einige Runden durch die Halle laufen…“

Den weiteren Dialog möchte ich Ihnen ersparen. Vielleicht nur noch so viel: Ja, Sozialverhalten ist gerade auch im Sport wichtig. Und ja, es ist fies, sich über Unsportliche, die an Kästen hängenbleiben, lustig zu machen. Aber wo wollen wir hinkommen, wenn jeder Ehrgeiz, jede Zielorientierung und jeder Leistungswille zurückgedrängt wird? Ist das wirklich der richtige Weg, junge Menschen auf das spätere Leben vorzubereiten?

Aus meiner Sicht ein klares Nein. Zugegeben, in den 80ern war es rustikaler und pädagogisch nach heutigen Maßstäben nicht immer ganz elegant. Und ja, die Unsportlichen waren sicher auch bisweilen in unangenehmen Situationen – wie ich übrigens beispielsweise in Latein. Aber eines ist sowohl in Sport als auch in Latein vermittelt worden: Wer schlecht ist (was oft genug, wie bei mir in Latein, eine Frage der Anstrengung war), der bekommt auch eine schlechte Bewertung, ganz wie im echten Leben.

Was bleibt als Fazit? Danke an meine Sportlehrer, allen voran Frieder Bender und vor allem auch Jochen Meier. Und, danke an meinen langjährigen Lateinlehrer: Lieber Herr Steuder, Sie hatten Recht, ich war schlecht und auch nicht fleißig in Latein und es hat mir nicht geschadet, dass Sie mir dies im Zeugnis bescheinigt haben.

Also, wenn es nach mir geht, dann dürfen auch im 21. Jahrhundert Kästen umgeturnt und Vieren in Latein verteilt werden.


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1 Antwort : “Schulsport – ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen?”

  1. Ahmed Hans sagt:

    Ja heutzutage ist Sportunterricht blöd!!! Oops, dass darf man ja nicht sagen, auch wenn jemand in deinem Team Kaffeeklatsch macht und ihr auch deswegen haushoch verliert (und du dich im Sitzkreis dann darüber beschwerst). Ja, 50% Sozialverhalten, 20% im Sitzkreis etwas zu dem Spiel sagen, 25% Prozent wie sportlich man ist und 5% der Rest!!!

    Ich finde es gut, dass man darauf reagiert und so einen Artikel schreibt!!!
    Danke vielmals!!!

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