Norbert Dronsz zum Gedenken

Norbert Dronsz - verstorben am 2. November 2019
Norbert Dronsz

Dieser Blogbeitrag hat einen überaus traurigen Hintergrund: Am 2. November verstarb bei einem tragischen Verkehrsunfall Norbert Dronsz. Er war für mich weit mehr, als mein Kollege aus der Geschäftsleitung von GrandVision Deutschland und Österreich.

Bei seiner Beerdigung am 22. November hatte ich auf Wunsch der Hinterbliebenen die Ehre und gleichzeitig unendlich schwere Aufgabe, eine Trauerrede zu halten. Es war die schwerste Rede meines Lebens. Im Sinne eines Nachrufes für einen großartigen Menschen veröffentliche ich sie nachstehend.

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Unendlich traurig – über das was passiert ist.

Und gleichzeitig

unendlich dankbar – für das was gewesen ist.

Das beschreibt ganz gut, was in mir persönlich vorgeht und was vermutlich auch das Gefühl aller ist, die heute hier sind. Und unsere aller schwere Aufgabe für die Zukunft ist, dass die Dankbarkeit überwiegt und den Schmerz besiegt!

Ich persönlich bin sehr dankbar für die letzten fünf Jahre, in denen wir gemeinsam gearbeitet und gelacht, geflucht und uns gefreut haben.

Norbert Dronsz war 15 Jahre lang Personalchef von Apollo in Deutschland und von Pearle in Österreich. Richtiger Weise war er nicht nur Personalchef. Wir nennen die Rolle in unserer Unternehmensgruppe GrandVision seit gut einem Jahr weltweit nicht mehr Personalchef, sondern Director People and Culture. Und wenn man so will, dann war Norbert Dronsz genau das schon seit 15 Jahren: Ein Director People and Culture. People, weil es ihm stets um die Menschen ging und Culture, weil er wie kaum einer die Kultur unseres Unternehmens geprägt hat. Dabei stand er als Leuchtturm und Garant für gute Werte und für Anstand.

Norbert hat mir einmal augenzwinkernd erzählt, dass er einige Zeit nach seiner Anstellung zu seinem damaligen Chef gegangen ist und ihm gesagt hat:

„In unserem Vorstellungsgespräch haben Sie mir gesagt, es gäbe einige Baustellen. Das stimmte nicht. Es ist eine große Baustelle.“ Ich glaube dass es genau so war. Und umso beeindruckender ist, was er in den vergangenen 15 Jahren erreicht hat und wo Apollo und Pearle heute stehen.

Wäre er jetzt hier, so würde er mich unterbrechen „Nicht ich habe das erreicht, mein Team hat es erreicht – mit meiner Unterstützung vielleicht“. Aber es war eben doch über weite Strecken er, der diese Veränderung bewirkt hat.

Es gibt nicht viele Unternehmen in Deutschland, deren Bereich People and Culture so hochdekoriert und so vielfach ausgezeichnet ist, wie der von Apollo.

Norbert und sein Team haben zahllose Preise erhalten. Ich möchte hier nicht alle wie Trophäen hochhalten. Ich erwähne jedoch einen, weil ich weiß, wie besonders wichtig ihm das Thema war. Als bester Ausbildungsbetrieb der Branche und branchenübergreifend als einer der besten in Deutschland ausgezeichnet zu werden, das war für ihn – und für uns alle – etwas Besonderes. Ohne Norbert Dronsz wäre sehr sehr viel von alledem nicht möglich gewesen. Und dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Wie hat Norbert dies geschafft? Und warum war er so beliebt, auch mit all seinen Ecken und Kanten?

Norbert Dronsz war im positiven Sinne anders. Er war ein besonderer Mensch. Dabei schöpfte er auch viel Kraft und Antrieb aus der Beschäftigung mit anderen, und vor allem auch aus Büchern.

Wenn man seine Person erfassen möchte, dann helfen einem dabei zwei Autoren ganz besonders: Tolkien und Tucholski.

Von Kurt Tucholski stammt der Satz:

Die Gleichgültigkeit so vieler Menschen beruht auf ihrem Mangel an Phantasie.

Norbert Dronsz war nie gleichgültig. Er war von Werten getragen und hatte eine klare Vorstellung davon, wie er seine Phantasie in die Realität umsetzen kann. Und diesen Weg ist er nicht alleine gegangen. Er hat seine Teams, seine Kollegen und alle um ihn herum mit auf diese Reise genommen. Im guten Sinne war er rastlos und angetrieben davon, Dinge zum Besseren zu verändern.

Tolkien formuliert in Herr der Ringe:

Selbst der Kleinste kann den Lauf der Zukunft verändern.

Auch das war ein Leitmotiv für Norbert Dronsz. Er ermutigte stets die Menschen um ihn herum, ihren Beitrag zu leisten. Er war keiner, der etwas einfach hinnahm, ohne es zu hinterfragen und erst recht keiner, der resignierte, weil man es ja ohnehin nicht ändern kann. Und mit dieser Haltung hat er zahllose Menschen dabei begleitet zu wachsen. Zu Wachsen als Persönlichkeit, als Mensch, aber eben auch als Mitarbeiter, als Führungskraft.

Und auch für eine weitere Stärke von Norbert Dronsz hilft es, bei Tucholksi nachzulesen:

Wer auf andere Leute wirken will, der muss erst einmal in ihrer Sprache mit ihnen reden.

Norbert Dronsz konnte das wie wenige. Und damit meine ich nicht nur die Worte. Sprache steht für alles und in ganz besonderem Maße für die gelebte Empathie. Er interessierte sich für die Menschen, wollte wissen, was sie bewegt und teilhaben an ihrem Leben. Dies war stets ein ehrliches Interesse. Ein ehrliches Interesse von jemandem, der Menschen mochte und von Grund auf positiv und optimistisch war.

Auch daher vertrauten die Menschen ihm. Sie spürten seine Ehrlichkeit und waren dankbar für den Raum, den er ihnen gab.

Raum zu geben, Fehler zuzulassen, das ist oft nicht leicht – vor allem in der Hektik des Alltags und angesichts des Ergebnisdrucks, den eine solche Funktion mit sich bringt. Und trotzdem war es ihm wichtig, und er ermöglichte es. Es war ihm wichtig, weil er wusste, dass einer seiner Lieblingsautoren Recht hatte, als er schrieb

Erfahrungen vererben sich nicht – jeder muss sie allein machen.

Viele Menschen scheitern daran, andere ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Schon bei der Begleitung von Kindern beim Heranwachsen und erst recht im beruflichen Umfeld. Dass Norbert diese Herausforderung meisterte und nicht daran scheiterte lag vielleicht auch daran, dass er etwas anderes wusste, was eben jener Autor geschrieben hatte:

Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.

Bitte sehen Sie es mir nach: Norbert hätte es mir übel genommen, wenn ich nicht wenigstens einen Satz gesagt hätte, der uns alle vielleicht zu einem kleinen Schmunzler in dieser schweren Stunde anregen kann. Denn auch das war prägend für ihn: sein unverwechselbarer Humor und die Freude daran, gemeinsam mit anderen zu lachen, spitzbübische Bemerkungen zu machen und andere aus der Reserve zu locken – nie bösartig, aber doch oft sehr spannend.

Legendär waren seine Fragen in Vorstellungsgesprächen. Einige hier im Raum werden sich erinnern, wie verblüfft sie waren, als sie gefragt wurden, wieviel Smarties wohl in einen VW Golf passen.

Norbert Dronsz war im Geiste stets Leistungssportler. Und damit meine ich nicht nur seine Zeit als ausgezeichneter aktiver Handballer. Dies ist auch eine Frage der Haltung, eine Frage des Charakters: Nicht immer nur den einfachen Weg gehen, sich selber fordern und dabei wachsen und reifen.

Das zieht sich durch viele Facetten seines Lebens. Es ist einfach, Fan eines Fußballclubs zu sein, der immer unter den Top 3 steht. Das kennen wir aus der Region südlich von Franken. Norbert hat sich für Schalke 04 entschieden. Sein Verein. Königsblau. Und er war stolz, dass seine Tochter beim Umzug nach Bayern selbstbewußt in Königsblau in die Schule ging. Ein entsprechendes Foto stand auf seinem Schreibtisch, direkt neben dem Bild seiner geliebten Frau.

Ja, das ist bloß eine Anekdote, aber sie zeigt auch, wie er andere angesteckt hat, wie er sie ermuntert hat, ihren Weg zu gehen und für ihre Meinung und ihre Werte einzustehen.

In Norberts Sinne lasse ich ein letztes Mal Tucholski zu Wort kommen

Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.

Norbert Dronsz hat laut Nein gesagt, wenn es denn erforderlich war. Damit hat er uns bei Apollo und Pearle oft als moralischer Kompass gedient. In all seiner Tiefgründigkeit und Scharfsinnigkeit. Als Garant für gute Werte. In diesem Sinne wird er auch in Zukunft in unserem Unternehmen und in unseren Herzen wirken.

Und um genau diese Zukunft ging es ihm stets und vorrangig.

Norbert Dronsz war kein Mensch der Vergangenheit. Wir alle kennen diese Menschen. Menschen, die rückwärtsgewandt sind. Menschen die entweder mit verklärtem Blick über die gute alte Zeit schwärmen oder verbittert auf die Ungerechtigkeiten des Lebens zurückschauen.

Nein, Norbert war kein solcher Mensch. Norbert Dronsz war ein Mensch der Gegenwart und vor allem der Zukunft: Was können wir aus der Vergangenheit lernen und es dadurch heute besser machen? Was können wir heute schon machen, damit es morgen noch besser wird? Und was ist mit Übermorgen?

Diese Fragen haben Norbert beschäftigt. Er hat sich jetzt bereits Gedanken darüber gemacht, wie sich die Altersstruktur und der Personalbedarf unseres Unternehmens in zehn und zwanzig Jahren darstellen wird und was wir heute und morgen machen müssen, um diese Herausforderung zu bewältigen. Daher bin ich mir sicher: Norbert würde uns auffordern genau das auch in dieser schweren Stunde zu tun: Nach einem dankbaren Blick zurück den Blick nach vorne zu richten.

Einer seiner engsten Mitarbeiter, von dem ich weiß, dass Norbert ihn sehr geschätzt hat, hat mir dieser Tage mit einem Sokrates-Zitat Mut zugesprochen

Niemand kennt den Tod und niemand weiß, ob er für den Menschen nicht das allergrößte Glück ist.

Über diesen Satz hätte ich vermutlich mit Norbert stundenlang sehr angeregt diskutieren können. Am Ende wären wir uns beide einig gewesen: Das stimmt. Niemand weiß es. Und sicher wären wir uns auch einig gewesen, dass dieser Satz für die Sehnsucht steht, für das, was wir alle hoffen.

Und damit schließt sich der Kreis:

Unendlich traurig – über das was passiert ist.

Und gleichzeitig

unendlich dankbar – für das was gewesen ist.

Und unsere aller schwere Aufgabe für die Zukunft ist, dass die Dankbarkeit überwiegt und den Schmerz besiegt!

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In tiefer Dankbarkeit, Jörg Ehmer

6 Kommentare

  1. Hallo Herr Dr. Ehmer,
    vielen Dank für die Veröffentlichung der Trauerrede, der ich bei der Trauerfeier ergreifend gefolgt bin. Sie ist so persönlich und beschreibt unseren Herrn Dronsz so zutreffend.
    Der Blogbeitrag ist ein schöner Nachruf für einen großartigen Menschen.
    Viele Grüße
    Christine Schwarz

  2. Lieber Dr. Ehmer, auch ich möchte mich ganz herzlich für diese besondere Rede bei Ihnen bedanken. Es war berührend und ergreifend zu erleben, wie unser Freund Norbert bei Ihren wertschätzenden und liebevollen Worten, nochmals im Raum präsent war. Es war, als hätte er für einen Augenblick allen Anwesenden zugelacht und sich ob der trefflichen Charakterbeschreibung bestens verstanden gefühlt und sich darüber gefreut. Sie haben ihm, seiner Frau, seiner Tochter und uns allen mit Ihrer Rede Zuversicht geschenkt und uns einen Weg der Transformation aufgezeigt, der sich lohnt, gegangen zu werden: Von der Traurigkeit zur Dankbarkeit! Wenn uns das gelingt, haben wir etwas für’s Leben gelernt und Norbert wird uns mit den vielen gemeinsam erlebten Geschichten immer wieder begleiten. Und dennoch möchte ich sagen: Was für ein großer menschlicher Verlust das ist, die Welt ist ein Stück ärmer geworden.

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