Eine ewige Flamme in der Mitte eines Gedenkkranzes aus Stein, im Hintergrund eine Inschrift

Ein wichtiger Gedenktag

Der heutige 11. Juli ist ein besonderer Tag des Gedenkes an das Genozid von Srebrenica. In diesen Tagen wurden 1995 über 8.000 wehrlose Menschen grausam getötet. Und das vor den Augen der beschämend untätigen Weltgemeinschaft. 

Wie in vielen Kriegen, so gab es auch in den sogenannten Jugoslawienkriegen unglaubliche Grausamkeiten. Und sicher war das Massaker von Srebrenica nicht das einzige Kriegsverbrechen einer der beteiligten Kriegsparteien. Und dennoch sticht Srebrenica heraus: Systematisch geplant, gezielt gerichtet gegen eine klar definierte Bevölkerungsgruppe, brutal und menschenverachtend ausgeführt gegen wehrlose Zivilisten. Die Gräueltat wurde begangen zur teilweisen Auslöschung einer Bevölkerungsgruppe. Und aus all diesen Gründen handelt es sich nach der UN-Völkermordkonvention von 1948 und gerichtlich bestätigt um einen Völkermord. 

Letzte Woche habe ich Sarajevo besucht. Dieser besondere Gedenktag war allgegenwärtig. Sicher nicht nur, weil es der 30. Jahrestag ist. Sondern auch, weil die UN-Vollversammlung letztes Jahr am Ende eines zähen Prozesses den 11. Juli zum weltweiten Srebrenica-Gedenktag bestimmt hat, der als solcher erstmals in diesem Jahr begangen wird – als „Tag der Reflexion und des Gedenkens“. 

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Nimmt man diese Aufgabenstellung der UN-Vollversammlung ernst, so zeigt die Reflexion, wie wichtig dieses Gedenken ist: 

Völkermorde erfolgen nicht spontan

Völkermorde erfolgen nicht spontan, nicht aus einer plötzlichen „bösartigen Eingebung“. Sie haben eine oft generationenübergreifende Vorgeschichte, in der sich Hass entwickelt und aufgestaut hat. Und so war es auch hier:

Die Ursachen für den Völkermord von Srebrenica sind äußerst komplex. Es zeigen sich aber Parallelen zu anderen Völkermorden, aus denen man lernen kann. 

Zunächst einmal richtete sich der Genozid gegen eine Minderheit, nämlich gegen die Bosniaken, auch bosnische Muslime genannt. Diese waren zwar in dem von ihnen bewohnten Landesteil die größte Bevölkerungsgruppe, aber auf das gesamte damalige Jugoslawien bezogen nur eine Minderheit mit weniger als 10% Bevölkerungsanteil.

Auch territoriale Ansprüche waren einer der Gründe des Konfliktes – die Auslöschung einer missliebigen Bevölkerungsgruppe ist der radikalste Weg zur Durchsetzung raumgreifender territorialer Wunschvorstellungen. 

Fehlender Minderheitenschutz und Hetze

Die Gesellschaft Jugoslawiens, oft auch als „Vielvölkerstaat“ bezeichnet, hatte es in den Jahrzehnten davor nicht vermocht, ein gemeinsames Verständnis für die Bedeutung von Minderheitenschutz und einem friedlichen Miteinander zu etablieren. Das planvolle Auslöschen einer Minderheit durch eine stärkere Bevölkerungsgruppe war so letztlich kein Tabu, auch aufgrund des gesellschaftlichen Klimas:

Vorurteile und Abneigung gegen diese Minderheit, die nicht nur, aber eben auch wegen ihrer Religion als Gruppe angefeindet wurde, hatten über lange Zeit Bestand. Stereotypen wurden perpetuiert, Abneigung und Angst vor der Andersartigkeit immer wieder geschürt, das Trennende und Spaltende betont, nicht das Einende aller Menschen und das Gemeinsame. 

Sicher wäre es falsch, all denen, die in dieser Form gehetzt und Zwietracht gesät haben, die bewusste Vorbereitung des Völkermords zu unterstellen. Aber das stete abgrenzende „wir“ und „die“ sowie völkischer Nationalismus haben letztlich das Genozid von Srebrenica gedanklich vorbereitet. In einer solchen Gesamtsituation geht das gesamtgesellschaftliche Korrektiv verloren, das Völkermordpläne nicht akzeptiert und die Umsetzung verhindert. Und so öffnet sich im schlimmsten Fall irgendwann die Schleuse und Worte werden zu Taten. Die mahnende Erinnerung an diese Wirkkette ist eine der Aufgaben dieses Gedenktages, und damit leider aktueller denn je: 

In Zeiten, in denen Minderheitenschutz als „woke Spinnerei“ gebrandmarkt und zurückgedrängt wird und in denen pauschal gegen Menschen „von woanders“, gegen Andersgläubige gehetzt und Angst erzeugt wird, kann man nicht oft genug betonen, wohin das führen kann. 

Der 11. Juli als Gedenktag mahnt uns, es nicht zu akzeptieren, wenn Hetzer und Spalter Menschen und Bevölkerungsgruppen stigmatisieren und das Fehlverhalten einzelner zum Anlass nehmen, den Stab über ganze Gruppen zu brechen. Gerade die „völkische“ Betrachtungsweise, die auch diesen Völkermord möglich gemacht hat, ist brandgefährlich.

Eines der konstituierenden Elemente eines Völkermords ist das „planvolle, zielgerichtete“ Handeln. Und dieses ist nur möglich, wenn der Boden dafür so bereitet ist, dass dieser Plan keine Ablehnung hervorruft, sondern letztlich die Akzeptanz derer findet, die ihn ausführen sollen. Hierfür bedarf es eines vergifteten gesellschaftlichen Klimas und im Zweifelsfall einer langen und immer wieder wiederholten, Verächtlichmachung (und oft auch Entmenschlichung) der späteren Opfer.

Aus der Geschichte lernen

Lernen aus der Geschichte bedeutet, dass wir uns dagegen zur Wehr setzen, wenn Ausgrenzendes, Entwürdigendes und völkische Argumentationsmuster wieder Einzug in den öffentlichen Diskurs finden. Gerade jetzt gilt es, sehr sensibel auf den Sprachgebrauch in der politischen Diskussion zu achten. Wenn immer wieder Grenzen ausgetestet und verschoben werden, wenn Menschen sprachlich die Würde genommen wird, wenn Unsägliches irgendwann scheinbar normal und selbstverständlich gesagt wird, spätestens dann müssen wir einschreiten. Wenn dumpfe Angst gegen alle Angehörigen einer anderen Religion oder Kultur geschürt wird, dann dürfen wir das nicht hinnehmen.

Gerade angesichts des unvergleichlichen Völkermordes, der von Deutschen verübt wurde, müssen wir als Gesellschaft jeder derartigen Strömung entgegentreten. Und genau deshalb ist dieser Gedenktag gerade auch für uns so wichtig. Es liegt an jedem und jeder Einzelnen, rechtzeitig einzuschreiten und diese Entwicklung nicht geschehen zu lassen. Leider gibt die aktuelle politische Entwicklung in der Welt, auch in Deutschland, Anlass für gesteigerte Wachsamkeit und für die aktive Verteidigung unserer zentralen Werte, allem voran der Unantastbarkeit der Menschenwürde. 

Es war „schlimm genug“, dass wir diesem Krieg auf Europäischem Boden viel zu lange unbeteiligt zugesehen haben und auch den Völkermord von Srebrenica haben geschehen lassen. Das Gedenken und Lernen aus den Fehlern zu verweigern wäre unverzeihlich.  

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Gedenktafel am Eingang der Gallery 11/07/95 in Sarajevo – eine beklemmende Liste der Opfer

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PS: Bei einem Besuch Sarajevos kann ich sehr empfehlen, die Ausstellung zum Srebrenica Genozid in der Gallery 11/07/95 zu besuchen und den außergewöhnlich guten Audioguide zu nutzen. Mich hat der Besuch tief bewegt. 

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Gallery 11/07/95 – Wegweiser zur Ausstellung. You are my witness!

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