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Ich kann Powerpoint nicht leiden

Okay, das ist ungerecht. Denn genau wie das Problem oft nicht  im Computer liegt, sondern davor sitzt, ist es auch hier. Mich stört nicht das Programm. Mich stört die allgemeine Verarmung der Präsentationskultur. Zugegeben, dieses Phänomen zeigt sich eher in der Industrie als im Handel und generell eher in Organisationen einer gewissen Größenordnung – aber da bisweilen gewaltig.

Mal ehrlich: haben Sie sich nicht auch schon einmal während einer Powerpoint-Präsentation gefragt, ob da nicht bunte Bilder über inhaltliche – und manchmal sogar geistige – Windstille hinwegtäuschen sollen? Ich persönlich empfinde es als extrem ärgerlich, wenn mir jemand meine Zeit klauen will, indem er mich mit grafisch hervorragenden Charts in Beschlag zu nehmen versucht, obwohl er keine substantielle Botschaft hat. Ihnen ergeht es nie so? Dann können Sie sich glücklich schätzen. Andernfalls ermutige ich Sie, sich dies nicht gefallen zu lassen. Es ist aber nicht nur die Zeit, die den Zuhörern geklaut wird. Überlegen Sie sich einmal, wie viel Arbeitszeit für die Vorbereitung und ab einer gewissen Organisationsgröße für die Abstimmung eingesetzt wird.

Wie konnte jemand Autos und Flugzeuge erfinden, zum Mond fliegen und den Mount Everest besteigen, das BGB und das Grundgesetz erschaffen – ohne Powerpoint? Wie konnte es jemandem gelingen, andere davon zu überzeugen, dass man Wäsche nicht nur auf der Leine, sondern auch in einer Maschine trocknen kann, ohne dies animiert per Powerpoint zu visualisieren?

Heute scheint es vielen kaum noch möglich, die ebenso sprichwörtliche wie banale Entscheidung über die Aufstellung eines Süßwarenautomaten vor der Kantine herbeizuführen, ohne dies mit mindestens zehn Powerpoint-Charts herzuleiten. Zehn Charts übrigens nur im günstigeren Fall – einschließlich des Schluss-Charts „Danke für Ihre Aufmerksamkeit“, was oft genug an der Sache vorbeigeht, weil spätestens beim dritten Chart alle geistig abgeschaltet haben. Häufig, um unter dem Tisch via Smartphone Mails zu bearbeiten.

Was ist es also, was eine schlechte Präsentation mit Hilfe von Powerpoint ausmacht?

1) Kein Inhalt, der einer Veranschaulichung bedarf. Kann man sein Thema in wenigen Sätzen klar beschreiben, dann sollte man genau dies auch machen. Alles andere beleidigt den Intellekt der Zuhörer.

2) Ab sechs Folien pro Minute gehört es der Gattung Film an – und Filme sieht man besser auf einem (mindestens) 55 Zoll LED TV mit ordentlicher Soundanlage (Sie wissen schon: vorzugsweise verkauft und fachgerecht installiert vom ElectronicPartner Händler Ihrer Wahl).

3) Oh, Entschuldigung, die 1423 Zahlen in meiner importierten Excel-Tabelle sind schlecht lesbar (ebenso wie die 20 Zeilen Text in 10-Pt-Schrift, die ich monoton und mit starrem Blick zur Leinwand ablese).

4) „Let-me-impress-you-with-my-knowledge“-Charts, vorzugsweise unübersichtliche Flowcharts und Strukturdiagramme, die nicht wirklich relevant sind, aber veranschaulichen sollen, dass man sich eingehend und mit mächtig Herzblut mit dem Fragenkomplex beschäftigt hat und ein echter Experte ist.

5) Integrierte Filmclips und Animationen, die für die Botschaft genauso irrelevant sind, wie es sicher ist, dass sie nicht reibungslos funktionieren. Besonders beliebt bei Kongressen in der Variante „auf Memorystick mit CI-gerechten, aber exotischen Schriftarten“. Die Steigerungsvariante für Profis: verlinkte Backup-Charts, die im Labyrinth ohne Rückweg enden.

Wenn Sie nachdenken, fallen Ihnen wie mir sicher noch mindestens drei weitere Negativ-Klassiker ein, oder?

Abschließend werbe ich leidenschaftlich dafür, diese Exzesse zu unterbinden, wo immer sie auftreten. Vor einiger Zeit – in einer vorherigen Funktion – habe ich einmal meine Geschäftsführungskollegen davon überzeugt, dem kompletten Unternehmen einen Powerpoint-freien Monat zu verordnen. Es war einfach sensationell. Manch einer hatte Entzugserscheinungen, andere waren entlarvend sprachlos. Probieren Sie es aus – wirklich spannend, versprochen!


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13 Antworten : “Ich kann Powerpoint nicht leiden”

  1. Matthias Schulnick sagt:

    🙂

  2. WIE RECHT DU HAST!!! ES ZEIGT WIEDER EINMAL, „THE SHOW MUST GO ON“ UND DIE FASSADE SOLL LEBEN. AUCH ICH STELLE IMMER HÄUFIGER, NICHT NUR DIE ABSOLUTE INKOMPETENZ, DURCH DIE VERSCHLEIERUNG DER BILDCHENTECHNIK FEST, SONDERN IMMER WIEDER INHALTLOSE, SUBSTANZLOSE UND NICHTSSAGENDE TEXTE DIE OFTMALS IRGENDWO ABGESCHRIEBEN (GEKLAUT) WURDEN (1. WIRD UNS JA VON DEN POLITIKERN VORGEMACHT 2. OHNE QUELLENHINWEIS) UND NICHT EINMAL VOM VORTRAGENDEN ERKLÄRT WERDEN KÖNNEN. BEI DIESEN VORTRÄGEN SOLLTEN DIE MENSCHEN ENDLICH WIEDER WAS SAGEN UND NICHT NUR „REDEN MIT VISUELLER UNTERSTÜTZUNG“. IN DIESEM SINNE SENDE ICH ERFOLGREICHE GRÜßE INS NETZ. SCHÖNES WE

  3. Hallo Jörg,
    da muss ich Steve Jobs bemühen: „Der Computer ist das bemerkenswerteste Werkzeug, das wir je bekommen haben. Er ist so wie ein Fahrrad für unseren Geist.“ (Steve Jobs 1990, in „Memory and Imagination“)

    Man muss ihn und die dazugehörige Software eben nur smart und sinnvoll nutzen. Fahrradfahren will gelernt sein!
    Ich empfehle: Garr Reynolds, „ZEN oder die Kunst der Präsentation. Mit einfachen Ideen gestalten und präsentieren“

    Beste Grüße

    Frank-J. Hoffsteter
    (Partner, Deloitte & Touche GmbH)

    • Dr. Ehmer sagt:

      Hallo Frank,

      danke für die Buchempfehlung – und zu Herrn Jobs Fahrrad, werde ich hier demnächst auch etwas schreiben – Du darfst gespannt sein.

      Herzliche Grüße

      Jörg Ehmer

  4. Lieber Herr Doktor Ehmer,

    das sind ja geradezu revolutionäre Gedanken in einer von festgefahrenen Ritualen eingenommenen (Business-)Welt.

    In meinen mittlerweile 15 Vertriebsjahren habe ich selbst vielleicht drei PP-Präsentationen gehalten. Es war meistens, jedoch nicht immer zu meinem Vorteil.

    Selbst in meinem einzigen Berufseignungstest (aka. Assessment Center) habe ich die 10-minütige Vorstellung meiner selbst frei(&)stehend, ohne PP-Folien gehalten.

    Ergebnis: Lobende Worte für meine Art & Vortragsweise. Null Punkte da die Eigenpräsentation nicht anhand von PP erfolgte!? Die Teamleiter Mittelstand Beförderung in München bekam einer der die Probezeit nicht bestand und ich stellte mich der Herausforderung Key Account in Düsseldorf.

    Auf die letzte Seite einer Präsentation gehören meiner Meinung nach, die Kontaktdaten des Verfassers.

    Aufmerksamkeit gibts auf folgende Weise:

    1.) Ich stehe in der Hirarchie über meiner Zuhörerschaft.

    2.)Was ich zu sagen habe ist sowohl inhaltlich als auch in der Ausführung spannender als alle anwesenden Smartphones.

    3.) Ich arbeite mit einem richtigen Team respektvoll und gemeinsam für die gleiche Sache.

    Zu beginn einer jeden Karriere steht beobachen, ausprobieren und aus jeder Erfahrung lernen. Es gilt die eigene Art und Weise zu kreieren um sich von der Masse abzusetzten um erfolgreicher als die anderen zu werden.

    Beste Grüße,

    Berthold Christmann

    p.s. Terminprotokolle mache ich im Bedarfsfall gerne mit PP. und sende diese an nach dem Termin an den Kunden. Ich glaube zwar nicht das sie gelesen werden aber wer was schreibt, der bleibt..

    • Dr. Ehmer sagt:

      Lieber Herr Christmann,

      Sie haben sehr Recht: jeder muss seinen eigenen Stil entwickeln. Es klingt so, als hätten Sie einen Stil entwickelt, an dem ich als Zuhörer Freude hätte. Vermutlich empfinden es viele Ihrer Kunden ebenso und das sorgt, wenn auch der Inhalt, also die angebotene Leistung, stimmt für volle Auftragsbücher. Genau dies wünsche ich Ihnen!

      Herzliche Grüße

      Jörg Ehmer

  5. Edgar Schmid sagt:

    Lieber Herr Dr. Ehmer,

    Guter Blog. Gratuliere.

    Die gute Idee mit malender Hand wachsen zu lassen und begleitend mit fesselnden Worten zu unterstützen, mit angemessenem Zeitaufwand, ist und bleibt die Hohe Schule vom wirkungsvollen präsentieren.

    PP – Präsentationen, obschon längst überdrüssig, sind leider immer noch im Trend. Erstaunlich! Nun, gegen einen Trend zu kämpfen ist meistens nicht der Mühe wert. Aber Ablösung ist in Sicht.

    Der Osterhase bringt mir einen iPad3 mit dem praktikabelsten App. das mir ermöglicht über den Beamer meine Modelle freihändig zu entwickeln und zu besprechen. Spontan kann ich den Beamer stoppen und mich mit den Beteiligten auf Augenhöhe und von Herzen zu Herzen unterhalten.

    Interessant die Geschichte der Präsentationstechniken vom zeichnen im Sand – zur Kreidetafel – zum Tageslichtprojektor – zum Beamer – zu Apps. Was kommt danach? Bedenke jedoch, auch die neuesten Technologien werden uns vor der Herausforderung des Masshaltens nicht schonen.

    Die Technik wird helfen, vielleicht einem neuen Trend die Türe zu öffnen. Haben Sie die neuen Technologien die auch einfach bedienbar sind schon in Ihrem Angebot? Das gibt volle Auftragsbücher.

    Mit besten Grüssen,

    Edgar Schmid

    es consulting ag

    • Dr. Ehmer sagt:

      Lieber Herr Schmid,

      danke für Ihre positive Rückmeldung aus unzweifelhaft fachkundiger Feder – aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Sie gerade ohne den Einsatz von Powerpoint beim Präsentieren den Faszinationsregler Ihrer Zuhörer in die richtige Richtung drehen.

      Bei der Gelegenheit: Falls Sie den Osterhasen noch rechtzeitig treffen, dann sagen Sie ihm bitte, er möge bei einem ElectronicPartner Mitglied vorbeischauen – dort findet er sicher das passende Ostergeschenk für Sie.

      Herzliche Grüße in die Schweiz,

      Jörg Ehmer

  6. Harald Köster sagt:

    Lieber Jörg,

    die „Powerpoint-Managementworld und -Managerworld“ hat es auch mir angetan. Ich erinnere an Situationen wo die Vorbereitung von fünf Sätzen (sorry: Kernaussagen, besser Kernslides) zwei Tage in Anspruch nahm. Bei einem frühen Arbeitgeber von mir hatten wir eine Grafikerin, die in einer halben Stunde jede Aussage kreativ umsetzte, die wir für eine Veröffentlichung brauchten. Der Rest kam entweder über die Ton- oder Schriftspur rüber.

    Na ja, in einer Multikulti-Gesellschaft sind vielleicht Bilder auch einfach nur besser zu verstehen. Unseren Kindern mussten wir das Sprechen ja auch erst beibringen. Nicht umsonst fangen wir alle ja zuerst einmal mit Bilderbüchern an! Danach gehen wir zum Malstift über. Und wir, die Eltern (das Management), hängen an den Lippen der Kleinen und sind ganz stolz darüber was die denn schon so alles können.

    Nicht anders heute im Großkonzern: Wir schicken 100erdte von anstrebenden „Jungmanagern“ auf „Powerpoint“-schulungen. Lassen sie dann 1.000ende von Stunden während der Arbeitszeit üben, damit sie zum Schluss kreativ Banales von sich geben. Und das Ende vom Lied: Wir sind stolz auf unsere Kleinen!!

    Liebe Grüße

    Harald Köster
    HK Consult

  7. Ich scheine wohl der einzige Befürworter eines zielgerichteten Einsatzes von Powerpoint auf dieser Seite zu sein.
    Ich darf dies aber, ich bin verwandt mit dem „Initiator“ und unabhängig.

    Die Verwendung einfachster PP Präsentationen muss ja nicht zwingend auf der mangelnden geistigen Leistungsfähigkeit des Referenten beruhen. Denkbar ist ja auch eine Antizipation der (fehlenden) intelektuellen Reife des Auditoriums durch den Referenten.

    Aber auch ohne Beachtung dieser Möglichkeit ist die „unerlaubte Vereinfachung“ in PP durchaus hilfreich.
    Bei komplexen Sachverhalten, bzw. schwierigen Analysen („z.B. vierstöckige Beteiligungsstrukturen zum Dividendenrouting in Europa“) verliert man die Aufmerksamtkeit des Kunden nicht durch Monologe.

    Aber natürlich kenne ich auch Präsentationen die besser gewesen wären, wenn sie nicht präsentiert worden wären.

    Viele Grüße

    Burkhard Muster

    • Dr. Ehmer sagt:

      Lieber Cousin im fernen Nordhessen,

      hier darf jeder eine andere Meinung äußern, nicht nur Familienmitglieder. Wie heißt es so schön: eine Diskussion lebt davon, dass der andere auch mal Recht haben könnte.

      In der Sache liegen wir aus meiner Sicht nicht weit auseinander: komplexe Sachverhalte sollten angemessen veranschaulicht werden. Dafür kann auch Powerpoint – richtig angewendet – ein gutes Mittel sein. Richtig ist auch, dass man sich die Themen und Zuhörer nicht immer aussuchen kann. Alles andere sind Grautöne. Also, egal wie: fasziniere einfach Deine Zuhörer, dann ist das Ziel erreicht.

      Herzliche Grüße aus dem Rheinland.

  8. Michael Dressen sagt:

    Getroffen!

  9. Marc Erdmann sagt:

    Dieser sympathische Denkanstoß sollte seinen Weg finden & sich durchsetzen.

    Klasse Blog!

    So long,
    Marc Erdmann

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