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Vorsicht, Spaßbremsen und Miesepeter

Eigentlich wollte ich ja eine kleine Blog-Pause einlegen – aber wie das so ist, mit dem „eigentlich“… Als ich diese Woche abends im Hotel die Nachrichten online gelesen habe, stellten sich mir die Nackenhaare auf und es floß aus der Feder: Vorsicht, Spaßbremsen und Miesepeter sind unterwegs. Worum es geht? Worum geht es dieser Tage schon in den Nachrichten? Um Fußball!

Nach dem Titelgewinn am Sonntag (Sie wissen schon: 54, 74, 90, 2014…) stand Dienstag die Rückkehr des Teams und die Willkommensparty in Berlin an. Und während ein Großteil der Bevölkerung sich mit dem Team freute, zeigten einige Medien eine andere Seite, die leider allzu oft typisch für uns Deutsche zu sein scheint. Manch einer scheint körperliche Schmerzen zu verspüren, wenn etwas gut läuft. Da muss doch etwas Negatives zu finden sein, etwas, um zu klagen und zu mahnen. Es kann doch nicht sein, dass man sich einfach freut und etwas positiv findet, dass man das Große und Ganze sieht und dabei über Schönheitsfehler und Geschmacksverirrungen hinwegsieht. Wo ist das Haar in der Suppe?

Wer nur lange genug sucht, der findet immer etwas zum Besserwissen. Oder, noch besser, zum Erheben des moralischen oder weltverbessernden Zeigefingers. Und, tatsächlich, auch bei der Siegesfeier in Berlin findet man Ansatzpunkte, wenn man nur hinreichend schlechten Willens ist. In ungewohnter Eintracht tuten FAZ, TAZ und Spiegel in das gleiche Miesepeter- und Spaßbremsen-Horn:

Der FAZ-Kommentator stört sich schon daran, dass Bastian Schweinsteiger den Pokal hochhält und dabei eine deutsche Fahne umgehangen hat. Die Bildunterschrift bewegt sich zwischen lächerlich machen und Unbehagen stiften: „Fast schon wie ein römischer Feldherr…“. Und es geht munter weiter: „In Gruppen mussten die Fußball-Nationalspieler auf die Bühne, und niemand half ihnen, als sie mehr oder weniger hilflos Musikvideos imitierten oder einen Kreis bildeten und ziellos herumhüpften.“ Was bitte wird denn hier erwartet? Eine sauber einstudierte Choreografie und professionelle Tanzschritte? Kalkül statt Leidenschaft?

Doch damit nicht genug. Auch an der Sprache der feiernden Nationalmannschaft kann man etwas aussetzen: „Das gesprochene Wort war nicht immer besser.“ Wie denn nun? Einerseits hört und liest man allenthalben Klagen, dass Fußballer zu „glatt“ seien und ihre Antworten bei Interviews einstudiert wirken. Aber wehe, wenn jemand keine einstudierten Allgemeinplätze absondert, sondern so redet, wie der sprichwörtliche Schnabel gewachsen ist. Es ist wie in der Politik: in Sonntagsreden wird kantigen Typen wie Wehner und Strauß nachgeweint. Zeigt jemand Kante, schlägt ihm ein Sturm der Aufregung und Entrüstung entgegen.

Wer meint, damit wäre die Kritik des FAZ-Kommentators am Ende angelangt, der sieht sich getäuscht. „Die Feierlaune der Deutschen, die durch die späten und langen Übertragungen ohnehin übermüdet sind, dürfte die Volkswirtschaft Millionen kosten. Immerhin machten die Sponsoren das Beste aus der Gelegenheit.“ Ein Doppelschlag. Bereits die volkswirtschaftliche Argumentation ist äußerst fragwürdig. Aber was bitte ist daran kritikwürdig, dass Sponsoren das Beste aus der Gelegenheit machen?

Erstaunlich, aber die FAZ übt sich hier im Schulterschluß mit der TAZ. Dort heißt es „Aber um den Sport, die Mannschaft, die Leistung geht es bei alle dem nur am Rande, der perfekte Rahmen für die Sponsoren ist das Ziel, und niemanden stört’s.“ Richtig, mich stört es nicht! Im Gegenteil, ich finde es gut, dass Sponsoren die Nationalmannschaft unterstützen und dem DFB ein wahrscheinlich weltweit einzigartiges Programm zur Förderung des Jugendfußballs ermöglichen. Nur so werden Spitzenleistungen möglich. Wer glaubt, das bloße unkoordinierte Gekicke auf dem dörflichen Bolzplatz brächte Weltklassespieler in dieser Vielzahl hervor, der irrt gewaltig. All dies kostet neben Leidenschaft auch viel Geld, das die zahlreichen Leistungsstützpunkte verschlingen. Warum bitte sollen die Sponsoren also nicht das Beste daraus machen, wenn nach über 20 Jahren ein Weltmeister-Titel gewonnen wird?

Jede Kleinigkeit wird griesgrämig aufgegriffen. Hunderttausende in Berlin freuen sich, dass das Flugzeug mit der Nationalmannschaft tief über die Fanmeile fliegt und zum Gruß mit den Tragflächen wackelt. Alle Welt staunt über die Lockerheit der Deutschen und darüber, dass hierfür eine Sondergenehmigung erteilt wurde. Die TAZ hingegen grätzt darüber, dass in diesem Zusammenhang von „Fanhansa“ statt Lufthansa gesprochen wird und dass als Service via #LH2014 Flugroute und Ankunftszeit verfolgt werden können. Und die FAZ mokiert sich, dass ein Schweizer Pilot das Flugzeug fliegt (dies hingegen müßte die TAZ-Kommentatorin doch multi-kulti-mäßig gut finden; tut sie vielleicht auch, aber über Gutes schreibt man ja nicht).

Und um das Trio komplett zu machen: auch dem Spiegel geht die Großzügigkeit ab, über die eine oder andere vermeintliche oder tatsächliche Ungeschicklichkeit souverän hinwegzusehen. Ja, es ist, vornehm formuliert, sehr ungeschickt und unglücklich, wenn einige Spieler im gebückten Gang „so gehen die Gauchos“ skandieren, um danach bei „so gehen die Deutschen“ aufrecht zu gehen. Die Konsequenz der negativen Berichterstattung eines Leitmediums ist klar: zahllose inländische – und nachfolgend auch ausländische – Medien übernehmen angesichts zusammengestrichener Redaktionen die Aussagen wörtlich.

Manch einer greift die „Inspiration“ dankbar auf und schwelgt in negativer Berichterstattung. Schon macht die Botschaft die Runde „Deutsche verhöhnen Argentinier“. Natürlich trägt die Verantwortung für negative Berichterstattung vornehmlich derjenige, der den Anlass dazu bietet. Aber dennoch, meine Frage lautet: muss das sein, muss man wirklich Öl ins unglücklich lodernde Feuer gießen? Es gäbe soviel Positives, über das man berichten könnte. Ist es wirklich nötig, einen übermütigen Ausrutscher zur internationalen Headline zu pushen, um damit ein negatives Bild „der Deutschen“ zu befeuern?

Warum bitte muss in jede Geste etwas Negatives hineininterpretiert werden? „Mit einer Hand auf der Schulter des Vordermannes – so wie die Brasilianer vor ihren Spielen – präsentierten sich Bastian Schweinsteiger, … und Matthias Ginter den Fans. Die brasilianischen Spieler wollten mit dieser Geste ihren Teamgeist demonstrieren.“ Stimmt, aber wer bitte sagt denn, dass die deutschen Spieler nicht auch genau das Gleiche wollten – Einigkeit demonstrieren. Wer bitte sagt, dass dies als negative, herablassende Geste gemeint war?

Die letzten beiden Wochen war ich im Ausland unterwegs. Ich kann versichern: diese Deutsche Miesepetrigkeit und den Selbstbeschmutzungsdrang versteht keiner. Und es erwartet von uns auch keiner, dass wir uns in Demut im Staub wälzen. Den Sieg gegen Brasilien habe ich in einer Hotelbar in England gesehen. Ich war der einzige Deutsche und gleichzeitig der Einzige, dem die Höhe des Sieges irgendwie unangenehm war. Die Engländer um mich herum und auch am nächsten Tag gratulierten mir alle, vom Taxifahrer bis zum Top-Manager. Sie lobten ungefragt die Leistung des Teams und wussten überhaupt nicht, was ich wollte, als ich sagte, dass es aus meiner Sicht ein wenig „overdone“ war.

Am Montag nach dem Finale war ich in den Niederlanden und alle gratulierten mir. Sehr oft hörte ich „Ihr habt verdient gewonnen, Deutschland war die beste Mannschaft des Turniers“. Und das in den Niederlanden, wie souverän ist das denn bitte? Hier und auch am Folgetag in Belgien habe ich anerkennende Worte gehört. Bereits das oft zitierte „Sommermärchen“ der WM im eigenen Land hat viel für das Ansehen von Deutschland im Ausland getan, auch dafür, dass die Deutschen nicht nur als erfolgreich, sondern auch als sympathisch wahrgenommen werden. All dies sollten wir uns nicht schlechtreden und kaputtschreiben lassen.

Also, lassen Sie uns doch einfach freuen, über manches souverän hinwegsehen und Mieseptern in unserem Umfeld deutlich sagen, dass wir keine Lust darauf haben, uns die Freude verderben zu lassen!

4 Antworten : “Vorsicht, Spaßbremsen und Miesepeter”

  1. Sandra Krämer sagt:

    Das spricht mir aus der Seele … danke für die Worte.
    Wir entschuldigen uns andauernd für „die Sache“ vor 70 Jahren und baut ein Denkmal nach dem anderen. Nationalstolz ist immer noch ein Problem … wehe man hat zuviel davon.

    Danke und noch eine schöne Blogfreie Zeit!

    • Danke für den Kommentar. Für mich hat beides kaum etwas miteinander zu tun. Was vor 70 Jahren passiert ist, ist einfach schlimm und barbarisch. Dessen müssen wir uns als historische Pflicht immer bewusst sein und es verpflichtet uns auch.

      Das bedeutet aber nicht, dass wir hinter jedem Busch einen moralisch gravierenden Verstoss sehen müssen und in alles etwas hineininterpretieren müssen. Dass unser Team faire und nicht überhebliche Gewinner waren, konnte man bei der WM bestens sehen.

  2. Clemen sagt:

    Super !!
    Gut, das die „Blog-Pause“ unterbrochen bzw. verschoben wurde.

  3. Ludwig Veltmann sagt:

    Ein solch treffender und wohlformulierter Kommentar gehört in die Massenmedien, kommt aber dort wohl nicht hinein, weil zu sachlich! Schade – jedenfalls habe ich die Zeilen mit Hochgenuss gelesen und kann jedem Wort nur zustimmen. Ludwig Veltmann

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