CeBIT 2017 – and beyond…

Die CeBIT 2017 startete standesgemäß mit verregnetem Wetter – und mit einem klar definierten Anspruch: „CeBIT: Global Event for Digital Business“.

Als Computer noch neu und sexy waren, Laptops kleiner wurden und Mobiltelefone den Markt eroberten, da war die CeBIT noch eine Mischung aus B2B und wilden Händler- und Konsumentenpartys. Mit dem Abklingen des Goldrausches in der Telekommunikation und dem Abwandern zentraler Austeller nach Barcelona haben sich die Zeiten in Hannover geändert: Die CeBIT fokussiert sich seit einigen Jahren auf B2B-Themen.

2014 hatte ich noch den Eindruck, dass dies gelingen könnte und die Messegesellschaft auf einem guten Weg ist, ein spannendes und zukunftssicheres Messekonzept zu etablieren. Gemessen daran war mein Messebesuch 2017 sehr ernüchternd.

Ausdrucksstarkes Symbol für die Verfassung der CeBIT war die Fußballfeld-große Halle 13, durch die täglich die Mehrzahl aller Messebesucher die CeBIT betrat. In diesem Jahr war die Halle leer. Leer? Leer! Tatsächlich mussten alle mit dem Zug anreisenden Besucher eine riesige leere Halle durchqueren. Deutlicher kann man den Zustand einer Messe nicht dokumentieren.

Immer wieder stieß man auch beim Messerundgang auf Freiflächen, Ruhezonen und andere Flächennutzungen, die jedem Lean-Geschulten die Schweißperlen auf die Stirn treiben dürften. Eine Halle wurde gar durch einen riesigen „Käfig für Flugvorführungen mit Drohnen“ okkupiert. Drohnen haben ja durchaus ein professionelles Anwendungsfeld, aber eine ganze Halle mit einem sporadisch genutzten „Flugkäfig“ und einer Hand voll Virtual-Reality-Ständen?

Die leere Halle 13 und die sonstige Flächennutzung haben mich zu einem Gedankenspiel verleitet. Ich habe mir vorgestellt, was von der CeBIT noch übrig bliebe, wenn man nicht nur die zahlreichen Leer- und Freiflächen streichen würde, sondern auch einige Aussteller nicht ausstellen würden. Damit meine ich beispielsweise die hohe Zahl der Aussteller des Partnerlandes (in diesem Jahr Japan). Wie freiwillig ist dieser Messeauftritt wirklich? Wenn er komplett ernsthaft eigenmotiviert und nicht politisch getrieben wäre, dann müssten doch deutlich mehr Unternehmen aus ehemaligen Partnerländern präsent sein, oder? Die sucht man aber eher wie die Stecknadel im Heuhaufen.

Die größte Ausstellergruppe waren vermutlich die Bundesländer, die über mehrere Hallen verteilt waren und deutlich mehr Platz einnahmen, als noch vor wenigen Jahren. Geht man eine Ebene tiefer ins Detail, so fällt auf, dass es eine Vielzahl kleinster Aussteller gab, die über viele Hallen verteilt waren. Oft präsentierten sich diese Anbieter an Gemeinschaftsständen, wie den genannten Ständen der Bundesländer. Und so kann es auch nicht verwundern, wenn Struktur und inhaltliche Klammer fehlten – die Gemeinsamkeit von Anbietern aus Hessen ist eben ihre Herkunft, aber nicht der Themenschwerpunkt Ihrer Angebote.

Bahnbrechende Innovationen und neue Trends waren schwer auszumachen. Vieles war mehr die Verbesserung im Detail – oder auch einfach nur der x-te Anbieter einer etablierten Leistung oder Lösung. Das ist ja nicht schlecht, aber von einer globalen Leitmesse für digitales Business darf man mehr erwarten.

Wenn man die Hochzeiten der CeBIT mit gestalten durfte, dann muss man aufpassen, dass man nicht in ein „früher-war-alles-besser-Genörgel“ verfällt. Gleichwohl, in diesem Jahr wurde sehr deutlicht, dass die CeBIT kein klares und zukunftssicheres Profil hat. In wichtigen B2B Bereichen haben ihr längst andere Veranstaltungen das Wasser abgegraben. Und damit meine ich nicht nur die Messe in Barcelona oder die Berliner Funkausstellung. Ein weiteres Beispiel: Jedes Handelsunternehmen beschäftigt sich intensiv mit den Veränderungen durch die Digitalisierung und mit den sich bietenden Chancen. Die CeBIT hat es verpasst, diese Anwendungsbereiche zu integrieren. Längst sind andere Veranstaltungen für Retailer interessanter.

Auf Dauer sind Telekom, Vodafone, IBM, Salesforce und einige wenige andere Kernaussteller einfach zu wenig, um dem Anspruch einer Leitmesse gerecht zu werden. Für mich hat es sich wie „fünf vor zwölf“ angefühlt. Und so habe ich Hannover am Montag mit dem traurigen Fazit verlassen: Entweder die CeBIT erhält schnell ein scharfes und attraktives Profil, oder sie hat Ihre Daseinsberechtigung verloren.

Manchmal geschiehen Dinge schneller, als man denkt. Am Dienstag teilte die Messegesellschaft mit, man werde „die CeBIT zu Europas führender Eventplattform und zum Festival für digitale Technologie, digitale Innovation und Geschäftsanbahnung der digitalen Wirtschaft umbauen“. Nun denn, dachte ich mir: Wer nach Veränderungen verlangt, der darf sich nicht beschweren, wenn sie erfolgen. Und dies gilt auch dann, wenn es heißt, die CeBIT werde ein „Ort der Begegnung, für Showcases und Open-Air-Inszenierung, Austausch und Party“.

Es ist immer einfacher, einen großen Schritt zu kritisieren, als den Mut zu haben, derart radikale Veränderungen vorzunehmen. Und diesen Mut, kann man den Verantwortlichen sicher nicht absprechen. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Neukonzeption erfolgreich sein wird.

Auf der einen Seite ist es ermutigend, wenn sich zahlreiche Aussteller als Mitglieder des Messeausschusses positiv zur Konzeptänderung äußern. Auf der anderen Seite mutet es etwas wie das sprichwörtliche „laute Pfeifen im Wald“ an, wenn die sieben Seiten der entsprechenden Pressemitteilung zum überwiegenden Teil aus Ausstellerstatements bestehen. Wer die Zitate genau liest, der erkennt neben viel Höflichkeit und Zweckoptimismus zwischen den Zeilen auch andere Signale. 2018 wird man sehen können, was wirklich passiert. Sicher ist eines: Es wird spannend.

Die Welt verändert sich durch die Digitalisierung radikal – warum nicht auch die CeBIT? Also, liebe Messemacher in Hannover: Glückwunsch zum Mut und viel Erfolg!

4 Kommentare

  1. So schnell kann es gehen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir mit unserer eigenen Halle, tausende von Besuchern empfangen haben. Oder?

  2. Na dann Prost, ruft zweifelnd aus der Ferne einer, der auch noch die recht gelungene Abkopplung aus der Industrie Messe in den frühen Achtzigern erinnert.

    Nun denn, ich sehe schon seit Jahren keine Chance mehr für eine breite CeBit Messe, also eine breite, internationale Messe (B2X, B2B, B2C) mit Event und Show Charakter. Ich bin schlicht der Meinung, dass aber auch der Anspruch einer weltweiten B2B IT Leitmesse am Standort Hannover/Deutschland nur über echten qualitativ hochwertigen Fokus auf die IT Macher noch möglich wäre.

    Dann müsste man sich aber auch klar entscheiden , wen man in der Corporate World adressiert, nicht primär den Fach-Anwender sondern die echten IT Guys. Für mich ist das nach wie vor etwas, was man seit geraumer Zeit nur halbherzig macht und Unmengen an faulen Kompromissen sorgen für einen Brei von wachsweichen Aussagen. Also letztlich weiß keiner mehr , was er da eigentlich soll und warum er da nicht hingeht.

    Übrig geblieben sind die quasi Alumni Treffen, teure Seniorenbetanzungen, ein paar Versprengte und Lemminge. Schuld daran ist der irrige Versuch, Anwender und ITler in ihren divergierenden Bedarfen unter einen Hut zu bekommen. Treibend spürt man die ewige Sehnsucht nach vollen Hallen. Nur, für den Suchenden wurde es immer mehr ein unüberschaubarer Irrgarten.
    Klare Kante und Festlegung auf eine der beiden Zielgruppen wiederum bedingt aber noch mehr Aussteller Selektion, also durchaus einen harten Cut, Verzicht auf Besucher Masse, Einnahmen, also erstmal auf einige Jahre die Akzeptanz von noch mehr Flächen Leerstand, das bedingt die innere Bereitschaft zu kontroversen Debatten in den Verbänden und Gremien, also in hoher Dimension Verzicht seitens der Veranstalter und somit extremen Mut zum Risiko. Den sehe ich dort, auch angesichts der handelnden Personen und fehlender Leuchttürme und starker „Protagonisten“ leider nicht.

    Sorry, Deutschland, Sorry Hannover, Sorry BITKOM , Sorry Messe AG, aber positiv geht bei mir dazu leider nicht (mehr).

  3. Ich begann meinen Ausflug in der Halle 2. Und hier gab es nämlich gleich ein persönliches Highlight: Hier war IBM. Erst vor kurzem hatte ich enge Berührungspunkte mit dem Unternehmen, als ich eine größere Geschichte zum Thema künstliche Intelligenz geschrieben habe. Jetzt interessiert mich, was IBM noch von Watson zu zeigen hat.

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