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Alles wie immer?

Als Deutscher hat man auf seinen Reisen zumeist den Vorteil, im Zielland auf einen gewissen Grund-Respekt zu stoßen. Vor allem die Leistungen der Nachkriegszeit sind die Ursache hierfür. Erstaunlich, was uns nach dem unzweifelhaft dunkelsten Kapitel unserer Geschichte gelungen ist.

Natürlich sorgen die klassisch deutschen Sekundärtugenden wie Ordentlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß für eine gewisse Anerkennung. Aber auch die hohe Qualität unserer Produkte und der zugrundeliegenden Ingenieurskunst führen mit der im Ausland oft sprichwörtlichen deutschen Zuverlässigkeit dazu, dass wir an vielen Orten gern gesehene Gäste und Handelspartner sind.

So war es zumindest bis vor einiger Zeit. Reist man mit wachen Augen durch die Welt, so bröckelt es heftig. Wer schon einmal in Japan war, der weiß, was wirklich ordentlich und pünktlich ist, der erfährt umfassende Disziplin. Und damit meine ich nicht nur, dass die Züge pünktlich fahren – eine der Ursachen hierfür ist übrigens, dass sich im Gegensatz zu Deutschland nicht mehrfach täglich Menschen suizidal vor einen Zug werfen.

Die einmal weltberühmten „German Autobahnen“ haben heute nur noch eines, das bemerkenswert ist: die in der Theorie nicht bestehende Geschwindigkeitsbeschränkung und freie Fahrt (was natürlich Quatsch ist, denn auf den meisten Strecken gibt es in der Praxis entweder einen Stau oder eine Geschwindigkeitsbegrenzung). Der bauliche Zustand der Autobahnen ist in den meisten Staaten mittlerweile eher besser als in Deutschland. Von den Kreisstraßen und kommunalen Schlaglochpisten ganz zu schweigen – unsere einst vorbildliche Infrastruktur kommt in die Jahre. Und dies, obwohl unser Staat sich (und damit uns) immer mehr verschuldet; das Geld fließt offensichtlich in andere Richtungen.

Zahllose Innovationen des letzten Jahrhunderts wurden in Deutschland erdacht und zumindest auch eine Zeit lang aus Deutschland auf dem Weltmarkt vermarktet. Auch dies hat sich gewandelt. Die Innovationen des digitalen Zeitalters kommen überwiegend weder aus Deutschland, noch aus Europa. Asien und die USA geben heute das Tempo vor, wir sind insoweit in der Rolle des Importeurs.

All dies hat unserem Image und unserem Wohlstand noch nicht ernsthaft geschadet. Denn wenn man nur weit genug reist, dann hat es sich noch nicht herumgesprochen – wird es aber noch. Ungemach für unser Ansehen und unseren Wohlstand droht aus ganz anderem Grund. Die Euro-Krise hat sich herumgesprochen, und alle schauen nicht nur in unseren Breiten auf den Klassenprimus – möge er es richten. Das führt dazu, dass man gerade als Deutscher im Ausland kritisch auf den Zustand Europas angesprochen wird. Das ist ungewohnt.

Bei Gesprächen in Asien, die ich im vergangenen Monat geführt habe, wurde bei Tischgesprächen regelmäßig sehr sorgenvoll nach Europa gefragt. Für einen Deutschen ungewöhnlich: Wir sind bei schlechten Nachrichten nicht auf der Zuschauertribüne, sondern integraler Bestandteil des Problems. Wir sind aus Beobachtersicht mitten im Strudel, der nicht nur unser Image mit nach unten zieht.

Distanz hilft ja manchmal, die Dinge klarer zu sehen. Während wir zuhause munter über Rettungspakete und die faktische Übernahme der Schulden einer wachsenden Zahl anderer europäischer Staaten diskutieren, fragen einen hoch gebildete Asiaten völlig unverdrossen, wie lange man das noch mitmachen will (und kann). Die Beendigung des gemeinsamen Euros oder zumindest die Beschränkung auf Partnerstaaten, die hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auf Augenhöhe sind, wird als naheliegender Schritt angesehen. Dies gibt mir zu denken über unseren Umgang mit der Euro-Krise. Nicht zum ersten Mal, aber intensiver und kritischer.

Der Denkanstoß war umso gewichtiger, als ich auf dem Hinflug eine „Denkschrift“ gelesen habe, die mir der Autor zufällig wenige Tage vor dem Abflug zugeschickt hat (Dieter Spethmann: Zeitbombe Staatsverschuldung – keine Euro-Bonds und kein ESM). Der bekennende Euro-Kritiker und Ex-Thyssen-Chef Dieter Spethmann setzt sich vehement für das ein, was man wie beschrieben außerhalb Deutschlands als naheliegende Krisenmaßnahme ansieht. Sicher ein sehr komplexes Thema, aber das stetige Berliner „Weiter so“ ist ebenso wenig die einzige Handlungsoption wie der Zuruf aus den wahlkämpfenden USA „macht mehr Schulden, um Wachstumsanreize zu geben“.

Es ist schon erstaunlich. Seit Jahren ist klar absehbar, in welche Richtung sich das Schiff bewegt. Es hat, ex post betrachtet, auch nicht an mahnenden Worten gemangelt. Kritiker haben sich aber kaum Gehör verschaffen können. Und wenn, dann wurden sie in der Regel als europafeindlich und engstirnig in die Ecke gestellt. Auf dem politischen Parkett war es lange ein Tabu, laut den Gedanken auszusprechen, dass ein anderer Weg besser sein könnte, als die faktische Übernahme der angehäuften Schulden von Griechenland und weiteren Staaten. Dies wandelt sich gerade, auch in Berlin. Läuft es jedoch am Ende auf eine Beendigung des gemeinsamen Euros in seiner jetzigen Form hinaus, dann kostet Warten nur unnötig Zeit – und Geld.

Wer jetzt nicht darüber nachdenkt, der wird später seinen Kindern oder Enkelkindern einmal das „Warum“ erklären müssen – vermutlich ohne gute Gründe benennen zu können. Außer vielleicht, dass es in Deutschland im ersten und anfangs des zweiten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende für die Allermeisten einfach so komfortabel war. Dass der Wohlstand objektiv größer war, als je zuvor und dass man nicht geglaubt hat, dass die Party einmal zu Ende gehen kann. Kann sie aber!

Also, schnelles Nachdenken unter Berücksichtigung aller Handlungsoptionen ist das Mindeste,  besser noch wäre schnelles, entschlossenes und mutiges Handeln – dann klappt es auch in Zukunft mit dem Respekt auf Reisen.


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1 Antwort : “Alles wie immer?”

  1. Karsten sagt:

    Was Sie da niederschreiben mag zwar in erster Hinsicht logisch sein, ( unter Kaufleuten sogar glasklar ), aber aus politischer Sicht, wäre ein Fallenlassen des Euros eine Schlappe und die will sich hier keiner eingestehen geschweige denn akzeptieren.

    Vor einigen Monaten lief im TV eine Diskussion zum Thema Griechenland – Schuldenkrise und dabei wurde argumentiert daß der Euro für ein exportlastiges Land wie Deuschtland unverzichtbar wäre.

    Nur frage ich mich wo ist da der Sinn, wenn ich mehr Geld in ein Geschäft investieren muß als ich jemals erwirtschaften werde.

    Unsere Bundesregierung besteht leider aus Leuten die keinerlei Grundlagenwissen und praktisches KnowHow besitzen, theoretisch können die alles und wenn dann das Ding doch nach hinten losgeht, Neuverschuldung!!

    Sie schreiben über alte Werte, nun wer leitete früher die Geschicke nach dem 2 Weltkrieg, keine Theoretiker, Menschen aus der Praxis, Industrielle die genau wussten wo der Hase lang läuft.

    Wie wurde mal gesagt „Maß halten ist das Maß aller Dinge“
    das kann heute doch keiner mehr.
    aber egal Schnee von gestern.

    Was kann man denn überhaupt heutzutage noch unternehmen???

    PS Rechtschreibung ist glückssache….

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