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Auf einem fremden Stern – Impressionen von der gamescom

Im Gegensatz zu meinem ersten gamescom-Besuch habe ich dieses Mal nicht den naiven Fehler begangen, mich mit Anzug und Krawatte als Außerirdischer zu präsentieren. Damals hatte ich einen vereinzelten weiteren Krawattenträger erst am Nachmittag im Fachbesucherbereich entdeckt (ich hatte mich meiner längst entledigt). Nun denn, bei sommerlichen 30 plus x Grad Außentemperatur fühlte ich mich mit einem leichten Polo-Shirt ohnehin komfortabler – selbst das war übrigens eher overdressed: die Masse der Besucher trug  schrille T-Shirts und „Indenkniekehlenhängeundunterhosenrausguck-hosen“. Noch skuriler: manche kommen gleich im Kostüm ihrer Idol-Spielfigur. Es ist also ein buntes Durcheinander – und natürlich sehen die Menschen am Stand „Landwirtschaftssimulator 2013“ (das gibt es wirklich!) anders aus, als die Fußballbegeisterten bei Fifa 2013 oder diejenigen, die sich für “World of Warcraft“ begeistern.

Auch unabhängig von der Optik vieler Besucher: Als Nicht-Gamer fühlte ich mich etwas wie auf einem anderen Stern – mein dreizehnjähriger Sohn, der mit mir dort war, naturgemäß natürlich weniger als ich. Doch zunächst einige Kennzahlen: Der Messe Köln ist es gelungen, trotz einer alles andere als leichten Situation der Branche, über 600 Aussteller zu mobilisieren – Glückwunsch, eine tolle Leistung und Ausstellerrekord. Die gamescom ist mit Ausstellern aus 40 Ländern und Fachbesuchern aus mehr als doppelt so vielen Ländern auch deutlich internationaler geworden und unterstreicht damit ihren Anspruch als internationale Leitmesse.

In der Heimatstadt des kommenden Bundesliga-Aufsteigers wurden mehr als 300 neue Spiele und Versionen vorgestellt. Unter anderem kehrte „Lara Croft“ mit neuen Abenteuern zurück, „Sim City“ ging in die vierte Auflage. Selbstverständlich fehlte es auch nicht an Folgeversionen von Spielen a la „World of Warcraft“ oder „Call of duty“. Dementsprechend ballten sich in den meisten Hallen Gamer-Trauben um die zahlreichen Stände mit den begehrten Neuheiten. Es wurde ausprobiert, gegrübelt und gelacht, geballert und geprügelt, die Welt zerstört und gerettet bis die Tastatur glühte und die Konsole nassgeschwitzt war.

Aber es wurde nicht nur gespielt. Ich hatte das Gefühl, auf einer großen Party zu sein: Laute Musik, massenweise Promotions, in die Menge geworfene T-Shirts, Gedränge in den Gängen… Alle kennen den Bro Code, sprechen eine Geheimsprache und haben einen Energydrink in der Hand. Mir völlig unbekannte Menschen geben begeisterten Fans Autogramme. Ein Spezialist für Keyboards und Headsets hatte eine riesige Halfpipe aufgebaut, auf der Top-BMXler eine gigantische Show boten, nebenan in einer weiteren Halfpipe Weltklasse-Skatboarder. Lebensgefühl und Marke schlagen Produktfeatures – aber warum sollte das auch nur bei Handtaschen und Sportschuhen so sein?

Für mich war es einmal mehr faszinierend, mit welcher Hingabe vorwiegend – aber bei Weitem nicht nur – junge Menschen sich Computerspielen hingeben und völlig in einer Scheinwelt versinken. Für denjenigen, der es mag, offensichtlich eine gute Form der Ablenkung von anderen Fragen und Sorgen – ob man angesichts der offenkundigen Anspannung und Reizüberflutung beim Spielen auch von „Entspannen“ sprechen kann, bezweifele ich allerdings.

Egal, Hunderte warteten geduldig in langen Schlangen darauf, für 15 Minuten die Neuerungen selber ausprobieren zu dürfen. Stilechtwurde die Schlange bisweilen nicht von schnöden Ordnern geordnet, sondern von Kostümierten in Kampfkleidung mit Sturmgewehr-Attrappe. Dazu passt dann auch das T-Shirt eines Messebesuchers, das ich sah „Ich mag Killerspiele“. Dann zuckt es schon in mir, wenn ich auf der einen Seite dies, zahllose Gewaltspiele, riesige Nachbauten von Militärhubschraubern sowie Besucher in Kampfuniform sehe und gleichzeitig die Bundeswehr an einem Stand mit einem echten gepanzerten Fahrzeug für Nachwuchs wirbt – hier verschwimmen Grenzen, die nach meinem Geschmack besser nicht verschwimmen sollten.

Auch wenn das Gamer-Universum nicht meine Welt ist, die Szene findet offensichtlich ihre perfekte Heimat auf der gamescom und diese ist somit für diese Zielgruppe eine gute und stimmige Messe (anders als bei der CeBIT, auf der ich dies als Fremdkörper empfand. Hierzu passte dann zum Glück auch das Jugendschutz-Konzept der gamescom, das mit farbigen Armbändchen der Besucher dafür sorgte, dass nur diejenigen, denen qua Lebensalter die erforderliche Reife zugeschrieben wird, auch die entsprechenden Inhalte zu Gesicht bekamen. Sogar der Drogenhilfe Köln wurde Raum gegeben, für ihre gute Arbeit gegen Websucht.

Auch für die Fachbesucher war die Messe aufschlussreich. Neben dem Messe-Klassiker „Kontaktpflege“ erhielt man einen ausgezeichneten Überblick, was das kommende Jahresendgeschäft beleben wird. So störte es auch nicht zu sehr, dass unter anderem Microsoft und Nintendo diesmal nicht ausstellten. In dem Konsolen-Bereich gibt es aktuell ohnehin (leider) keine besonderen Innovationen. Der Markt wird eher durch die Software getrieben. Und da gab es genug zu sehen, das Bedeutung hat. Übrigens ist die Hardware auch jenseits der innovationsarmen Konsolen zumindest für den großflächigen Handel und Spezialisten durchaus interessant. Beispielsweise Spezialmäuse und Tastaturen, jeweils deutlich jenseits der 100 Euro Endkundenpreis, sind Produkte, für die es offensichtlich durchaus einen Markt gibt.

Interessant war auch der Bereich mobile Spiele und Apps, der unheimlich boomt. Wer gesehen hat, wie technisch anspruchsvoll die „großen“ Spiele sind, der versteht auch, dass es sich bei mobilen Spielen um eine völlig andere Kategorie handelt. „Echte Gamer“ werden Handyspiele wahrscheinlich nie ernst nehmen. Mobile Konsolen sind schon leistungsfähiger, aber auch sie können selbstverständlich nicht mit einem echten Gamer-PC inklusive Hochleistungs-Grafik-Chip mithalten. Mobile Gaming ist für „echte Gamer“ eher ein harmloser Zeitvertreib in Bus und Bahn. Aus Sicht der Industrie sicher auch ein Einstieg ins Gaming, der Lust auf Mehr macht. Mit verschiedener Hard- und Software werden allenfalls teilidentische Zielgruppen adressiert. Den Handel kann es nur freuen: Ein breites Angebot für verschiedene Zielgruppen und zahlreiche neue Spiele, das spricht für ein gutes Geschäft in den kommenden Monaten.

Also, alles in allem ein interessanter, bisweilen auch irritierender Ausflug in eine andere Welt – wer noch nie auf einer gamescom war, der sollte sich das ruhig einmal ansehen (aber bitte nicht im Anzug, s.o.).

P.S. Danke an die gamescom-Ausrichter: Ich habe mir auf ihrem Merchandise-Stand (an so etwas kann ich ohnehin nie vorbeigehen, ohne etwas zu kaufen) für meinen nächsten gamescom-Besuch das für mich passende T-Shirt gekauft (das Space-Invaders-Motiv, damit mich auch sofort jeder als auf diesem Gamer-Planet Außerirdischen erkennt).


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1 Antwort : “Auf einem fremden Stern – Impressionen von der gamescom”

  1. Gratulation zu diesem sehr lebendigen und an Sprachschöpfungen zum Thema „Kleiderordnung“ besonders kreativen und damit die Vorstellungskraft recht beflügelnden Beitrag, wenngleich er auch erschreckend aufzeigt, wieviel Gewaltpotential (das in der Phantasie bekanntlich seinen Ursprung nimmt) terrestrisch und galaktisch in den Köpfen der Menschen steckt, das man im virtuellen Bereich „..es ist doch nur ein Spiel..“ so offen kultivieren kann und die Hersteller mit Sicherheit auch noch „Kassenschlager“ damit landen! Nach 67 Jahren Frieden in Deutschland und Mitteleuropa eigentlich doch erstaunlich!

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