Verstehen Sie das, Herr Helmut Schmidt?

An anderer  Stelle  habe ich mich bereits geoutet: Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt beeindruckt mich. Und das nicht nur aufgrund seines Handelns während seiner aktiven Amtszeit, sondern auch aufgrund seiner Gradlinigkeit sowie ungebrochenen Scharfsinnigkeit (und Scharfzüngigkeit).

Die Zeit-Kolumne „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ hat fast Kult-Status. An die hundert Mal hat Giovanni di Lorenzo im Wochenrhythmus Helmut Schmidt zu aktuellen Themen befragt. Immer kurzweilig, manchmal überraschend, aber nie glatt oder langweilig. Anfang 2009 wurde die Kolumne eingestellt. Das gleichnamige Buch mit einer Auswahl der Gespräche wurde als Paperback, Hardcover und e-book ein Bestseller, und ich hatte großes Vergnügen bei der Lektüre.

Umso mehr habe ich mich gefreut, als mir mein ältester Sohn zum Geburtstag ein frisch erschienenes Buch geschenkt hat: „Verstehen Sie das, Herr Schmidt?“ Das Buch enthält gut 20 Gespräche des bewährten Duos di Lorenzo/Schmidt. Die Gespräche aus den vergangenen drei Jahren sind intensiver, ausführlicher und haben (noch) mehr Tiefgang als die „Zigaretten-Gespräche“. Die Themen sind breit gefächert: Es geht um Atomwaffen und Religion, um Staatsverschuldung und Wahlkämpfe, um Helmut Kohl und Thilo Sarrazin, um China und Menschenrechte – und um vieles, vieles mehr.

Die Sammlung ist nicht nur thematisch sehr vielschichtig. Auch die Tonalität reicht von ernst und nachdenklich bis zu schnodderig und humorvoll. Wie gewohnt ist Helmut Schmidt schlagfertig und auf den Punkt. Natürlich sind es Bekenntnisse wie „Ich habe ihn unterschätzt“ (gemeint ist Helmut Kohl) oder „Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Angst vor Atomwaffen inzwischen auf null gesunken ist“, die politisch interessant sind, ebenso wie Ansichten und Einsichten zu vielen Politikern, von Brandt bis Obama.

Aber auch jenseits der großen Bühne der Weltpolitik ist der Bundeskanzler a.D. bisweilen für Giovanni di Lorenzo eine echte Herausforderung und in seinen Antworten oft entwaffnend. Dies zeigt sich bestens bei den Antworten auf Fragen, die Leser zum 40-jährigen Jubiläum des ZEIT-Magazins stellten: Auf die Frage eines 12-Jährigen, was Helmut Schmidt vom Abitur nach acht Jahren hält, antwortet er „Ich habe zwangsläufig und ohne dass ich das vorher wusste, nach acht Jahren Abitur gemacht, und es ist einigermaßen etwas aus mir geworden“.

Wer Freude daran hat, geistreiche und knackige Gespräche in 10-Seiten-Portionen zu lesen, wer an 94  Jahren Lebenserfahrung teilhaben möchte und wer gerne Anregungen zum Querdenken bekommen mag, dem kann ich „Verstehen Sie das, Herr Schmidt“ nur empfehlen. Also, auf zum freundlichen Buchhändler um die Ecke!

„Verstehen Sie das, Herr Schmidt“, Verlag: (Kiepenheuer & Witsch), 272 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-462-04486-7

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