Wer hat an der Uhr gedreht – oder: War da was?

Kaum zu glauben, aber es ist schon wieder soweit. In diesen Tagen flimmern auf allen Kanälen die unvermeidbaren Jahresrückblicksendungen über die Mattscheibe. Wulf und Gauck, Romney und Obama, für’s Boulevard etwas Vettel und Schumi sowie natürlich Felix RB Baumgartner…

Eine gute Gelegenheit, meinen persönlichen Branchenjahresrückblick zu starten: Was war los in der Welt des Elektrohandels, bei CE und weißer Ware, Telekommunikation und Multimedia? Personell sicher weit weniger Spannendes. Der Wechsel an der GFU-Spitze vollzog sich ohne Skandal. Im Gegenteil, Dr. Hecker wurde für seine Verdienste geehrt und würdig verabschiedet, und Herr Kamp als Nachfolger stieß auch auf breitere Unterstützung als (zunächst) Herr Gauck. Auch einen Stratosphären-Sprung à la Baumgartner gab es nicht – allenfalls wie schon im Vorjahr einen Wechsel vom Industrie-Fachhandelsfreund in den Handel und dort auf die Ingolstädter Großfläche.

Weitaus spannender war es dagegen im Bereich Ware:

Gutes Beispiel – „Sehen und Hören“: Die IFA hat gezeigt, was – wenn es um ein hervorragendes Bild geht – dank OLED und 4K bereits machbar ist. Das sind beeindruckende Innovationen – jetzt müssen sie „nur noch“ umgesetzt werden, so wie es bei den größeren Bildschirmklassen gelebte Wertsteigerung ist. Die Nische an der Spitze hat Loewe mit dem neuen Reference ID definiert – Manufaktur-Fertigung auf höchstem Niveau inklusive. Bleibt zu hoffen, dass dies viele Kunden anzieht und zum Loewe-Kauf motiviert (die Kronacher können es gebrauchen).

Ansonsten stand bei TV allzu oft eher Wertevernichtung im Fokus. Etwas erfreulicher war das „Bild beim Hören“. Zwar wäre es übertrieben, von einer Hifi-Renaissance zu sprechen, aber hier tut sich etwas. Mich freut das, denn guter Klang kommt für mich aus zwei Kanälen und aus großen Boxen – und nicht synthetisch aus 5.1 Micro-Lautsprechern und unförmigen Subwoofern.

Nächstes Beispiel – Tablets: Erfreulich, dass die Gleichung Tablet = IPad immer weniger gilt. Die Android-Fraktion holt auf und sorgt für Wettbewerb. Als Quereinsteiger kommt Amazon mit den Kindle-Produkten in den Markt. Kaum eine andere Warengruppe wird das Geschäft der kommenden Wochen und Monate so bestimmen wie Tablets. Wer hier nicht mitmacht, der katapultiert sich mittelfristig selber aus dem CE-Markt.

Empfangstechnik: Natürlich hat die „Zusatzkonjunktur Analogabschaltung“ den Markt belebt. Viele Händler haben daran gutes Geld verdient. Leider häufig nur an der Dienstleistung, weil zu viele Marktteilnehmer die positive Preisfunktion der Nachfrage nicht verstanden haben. Nicht nur TV wächst übrigens mit IT zusammen, auch die Empfangstechnik. Technologisch war Kathreins K-Lan ein Highlight und auch Sat to IP-Lösungen eröffnen für innovative Fachhändler interessante Geschäftspotentiale. Es bleibt dabei: Heimvernetzung und Connectivity sind die großen Chancen des Fachhandels.

Im Bereich der Elektrogeräte wurden solide die bekannten Themen abgearbeitet, A+++ an erster Stelle. Manche haben dies gut gemacht (wie 111 Jahre Miele Wäschepflege oder 125 Jahre AEG), andere haben einmal mehr ihre Produkte verramscht. Auch bei den Elektrokleingeräten setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass selektive Vertriebskonzepte Sinn machen – herzlich Willkommen DeLonghi im Kreis der Anbieter mit einem ernsthaften Kaffee-Fachhandelssortiment.

Auch spannend – Foto: Diese Produktgruppe kommt zunehmend durch Smartphones unter Druck, wie die Photokina gezeigt hat. Statt nur in ruinöse Preis- und Feature-Schlachten einzutreten, kann man hier intelligentes Marktverhalten beobachten. Mein Highlight: die Produktpolitik von Sony. Hier wird konsequent hochverkauft, und man traut sich, neue Preispunkte zu definieren, bei denen die Nachfrage zeigt, dass Mut belohnt wird.

Beispiele gefällig? Nach der erfolgreich etablierten und ausgebauten NEX-Serie, wurde mit der DSC-RX100 eine kompakte Kamera jenseits der 600 Euro eingeführt – intelligent, auf den margenvernichtenden Druck von unten „auch“ nach oben zu (re)agieren. Doch damit nicht genug. Das versammelte Fachpublikum wurde zur Photokina mit der DSC-RX1 überrascht. Sicher ein Nischenprodukt, aber eines, das Marke macht und begeistert. Wer sich am Preis von gut 3.000 Euro stört, dem sei gesagt: Das ist die beste kleine Leica-Digitalkamera zum halben üblichen Leica-Preis, es steht halt „nur“ Sony drauf. Chapeau – der Foto-Fachhandel kann dies nur begrüßen.

Zum Abschluss meines Jahresrückblicks der wachstumsstärkste Produktbereich, Telekommunikation. Auf den Plätzen 1 bis 10 standen duoton zwei Produkte: iPhone 5 und Samsung Galaxy SIII. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was wir hätten verkaufen können, wenn zum Start ausreichende Mengen verfügbar gewesen wären. Sicher gab es einige ähnlich starke Produkte. Aber diese Beiden haben das Rennen gemacht und für Wachstumsraten gesorgt, von denen andere Warenbereiche nur träumen konnten. Beide Produkte zeigen, dass man mit intelligenter Vermarktung auch gute Preise erzielen kann – ärgerlich, dass die Erträge über die Wertschöpfungsstufen ungleichmäßig verteilt sind.

Wie bei Tablets, so gilt auch bei  Smartphones: Die Vermarktung wird für CE-Händler immer mehr zum Muss. Beide Produkte steuern das Heimnetzwerk. Sie lösen die TV-Fernbedienung in den komplexer werdenden Menus der Smart-TVs ab. Und wer sie nicht führt, der bietet seinen Kunden nur das halbe Produkt – das kann sich kein (Fach-)händler auf Dauer leisten.

Zusammenfassend  war 2012 ein weiteres Jahr mit tollen Produkten. Leider haben es allzu oft alle Marktteilnehmer gemeinsam nicht geschafft, diese Produkte auch intelligent zu vermarkten. Also, auf geht`s:  Daran müssen wir alle 2013 arbeiten.

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