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Fünf ist Trümpf?

Alle Ü30 erinnern sich bestimmt an den nervigen Rolf, der als Werbemaskottchen der Post 1993 für die Umstellung von vier- auf fünfstellige Postleitzahlen warb, nervig krächzend „Fünf ist Trümpf“. Das zeigt wieder einmal, wie man mit Marketingbudget, wenn es nur groß genug ist, auch Schwachsinn tief in das Gedächtnis von Menschen einbrennen kann. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr.

„Fünf ist Trümpf“, das klingt für mich als Vater von drei Jungs gut: Da ich zum Glück zur schrumpfenden Minderheit der Nicht-Alleinerziehenden gehöre, sind wir ja fünf. Und, um das Ergebnis vorwegzunehmen, das wollen wir natürlich auch bleiben. Selbst wenn uns die Umwelt immer wieder beweist, dass die Welt irgendwie nicht für fünf gemacht ist.

Bereits die Bauweise des menschlichen Körpers spricht gegen drei Kinder: man hat nur zwei Hände. Wenn die Kinder noch an der Hand gehen, wer geht alleine bei Papa (oder Mama) und wer beim Anderen? Zwei oder vier Kinder kann man aufteilen, aber drei? Und wehe man ist mit den Kindern alleine unterwegs, dann bedeutet der Wechsel von zwei zu drei Kindern die Umstellung von Mann- auf Raumdeckung – und die ist nicht nur beim Fußball anspruchsvoll. Fahren statt gehen ist natürlich auch keine Lösung. Mein Motorrad-Gespann hat nur vier Plätze. Und haben Sie schon einmal versucht, drei Kindersitze auf die Rückbank eines Autos zu quetschen? Hoffnungslos! Bei der Gelegenheit: Glauben Sie nicht, dass die Haltbarkeit eines Autokindersitzes auf drei Kinder ausgelegt ist. Nach zweien ist der Sitz zerschlissen, zumindest wenn man Jungs hat (gilt selbstredend entsprechend auch für Bekleidung und Sportgeräte…).

Also einfach zuhause bleiben und etwas Schönes spielen – zum Beispiel „Mensch ärgere Dich nicht“. Sie ahnen es schon: Das Spiel ist in der guten alten Standard-Version auf vier ausgelegt. Na gut, dann halt Tischtennis? Allenfalls als Rundlauf, denn das Familiendoppel scheidet aus. Und wehe die Kinder spielen alleine, zum Beispiel Fußball – das geht bestenfalls zwei Minuten gut.

Nun denn, vielleicht ist es einfacher, gemütlich am Esstisch zu sitzen – Hauptsache, er ist rund und hat nicht vier Seiten. Natürlich sollte man keinen Joghurt wählen, denn der wird üblicherweise in Vierer-Verpackungen verkauft. Auch den gesünderen Apfel in fünf Teile aufzuteilen ist nicht wirklich einfach (gilt analog natürlich auch für Pizza). Irgendwie passt nichts für fünf, nicht einmal das Netz mit dem bei Kindern beliebten Babybell-Käse.

Nun denn, vielleicht ist es ja im Ausland besser. Vielleicht in Italien, die sind ja bekanntlich kinderfreundlich. Also ab in den Urlaub – vorzugsweise mit dem Flieger (zum Auto siehe oben). Im Flugzeug gibt es zumeist zwei Dreierreihen. Kinder alleine setzen kann bei Dreier-Gruppendynamik zu Tumulten führen, also aufteilen – aber wer sitzt wo mit wem? Übrigens: Vierer- oder Sechserreihen im Flugzeug verbessern die Lage auch nicht wirklich. Beim Transfer gilt es, auf einen Bus zu hoffen, in einen PKW kann man sich nur zu viert quetschen. Dann geht es im Hotel in die zwei Doppelzimmer (zwei Doppelbetten, wer schläft im Beistellbett?). Am Strand mietet man schließlich zweimal zwei Liegen mit jeweils einem Schirm – richtig, 2×2=4. Dann schon lieber Tretboot-fahren. Hoffentlich will einer nicht mit, denn es hat nur vier Sitze. Auch das Rutschen-Paradies hat von „Fünf ist Trümpf“ noch nichts gehört, die Familienkarte gilt wie so oft nur für zwei Erwachsene und zwei Kinder.

Wie sich der Leser nunmehr leicht an den fünf (!) Fingern seiner Hand abzählen kann, fühlt man sich zu fünft manchmal wie ein Linkshänder, der ungelenk seine fünf (!) Finger in eine Rechtshänder-Schere zu sortieren versucht. Aber man wächst ja mit seinen Aufgaben, und das schweißt zusammen.

Unerwarteter moralischer Beistand kommt übrigens dieser Tage aus Russland, wo Wladimir Putin die Familie mit drei Kindern zum gesellschaftlichen Leitbild erklärt, um der rückläufigen Bevölkerungszahl entgegenzuwirken. Fern ab von allem Ideologischen ist mir das im Grunde sympathisch – Deutschland liegt übrigens in der Geburtenrate im weltweiten Vergleich am Ende der Skala. Keine Angst, ich will jetzt hier nicht die schwere Diskussion nach den Ursachen und erforderlichen Maßnahmen führen. Und es steht selbstverständlich auch jedem frei, zu entscheiden, ob und wie viele Kinder er/sie haben möchte. Aber eines steht für mich persönlich auch fest: Mit Kindern ist´s schöner (und noch schöner mit (unseren) Dreien), auch wenn die Welt wie beschrieben oft nicht für Fünf gemacht ist.

Also, liebe Designer und Anbieter von Produkten und Dienstleistungen: Nehmt euch ein Beispiel an der großfamilienfreundlichen Bahn und habt ein Herz für drei Kinder, denn Rolf hatte Recht: Fünf ist Trümpf!


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2 Antworten : “Fünf ist Trümpf?”

  1. Georg Oecking sagt:

    🙂 Aus dem Herzen gesprochen! Gerne erinnere ich mich an den einzigen und letzten Pauschalurlaub zu fünft (auch mit 3 kleinen Jungs), bei dem wir von den versammelten deutschen Musterfamilien (großer Junge, kleines Mädchen) und den nach chinesischem Vorbild gestalteten Einkind-Familien wie das dritte Weltwunder bestaunt wurden!

  2. Daniel sagt:

    Also genauso erlebe ich auch die Welt.
    Bei uns die Immobiliensuche. etwas zu finden wo 3 Kinder Platz haben, man auch noch ein kleines Büro- und Gästezimmer hat: schon aus der Norm raus, alles mit 3 Kinderzimmern utopisch.
    Weder als Kaufobjekt noch zur Miete war da was gescheites vorhanden, wo wir uns nicht das Büro im (engen) Schlafzimmer einrichten lassen müssten. Und wenn da mal was war: es war so überteuert, das stand in keinem Verhältnis zu den anderen Immobilien. Wie überraschend dass auch Kinder Geld kosten und man mit 3 nicht gleich die große Kohle hat.
    Kurzum: Wir bauen es nun selber wie wir es brauchen…

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