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Zu kurz gesprungen – 20 Cent für eine Plastiktüte lösen das Problem nicht

2014 haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Union entschieden, die Menge verbrauchter Plastiktüten durch Gebühren oder andere konkrete Maßnahmen zu verringern. Nach langem Ringen hat sich der Handelsverband jetzt, im April 2016, gegenüber dem Bundesumweltministerium verpflichtet, Plastiktüten kostenpflichtig abzugeben. Zunächst soll dies für 60% der Menge gelten, in zwei Jahren für 80%.

Nun kann man nicht ernsthaft daran zweifeln, dass es gut ist, Plastikmüll zu verringern. Die meisten Plastiktüten brauchen mehrere hundert (!) Jahre bis sie vollständig zersetzt sind. Somit ist jede Maßnahme, die Plastiktüten reduziert, lobenswert. Also alles bestens?

Wohl kaum. Es ist eher beschämend, wie lange wir in Deutschland bis zu dieser Selbstverpflichtung gebraucht haben und wie halbherzig wir das Problem angehen. Statt stolz darauf zu sein, dass nunmehr ein Teil des Handels Geld für Plastiktüten verlangt, wäre es besser, das Übel zumindest auch direkt an der Wurzel zu packen. Und das ist eine gemeinsame Aufgabe für Handel und Verbraucher.

Was kann der Handel tun? Wer glaubt, Bio-Plastiktüten seien die Lösung, der muss lernen, dass diese außerhalb professioneller Kompostierungsanlagen längst nicht so gut verrotten, wie man glauben könnte. Noch problematischer ist der für den Produktionsprozess erforderliche Maisanbau. Also Papier? Wir haben uns bei Apollo für Papiertaschen entschieden, wenngleich wir wissen, dass auch die vor allem wegen des Energieeinsatzes und der Umweltbelastung bei der Produktion nicht unproblematisch sind. Dennoch aus meiner Sicht das kleinere Übel, denn wenigstens vermeiden wir, dass sich unsere Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel und deren Nachfahren noch mit unserem Plastikmüll herumschlagen müssen.

Der wichtigste Beitrag, den der Handel leisten kann, ist jedoch, nicht jeden Kleinsteinkauf ungefragt in eine Tüte zu stopfen. Denn die einzige gute Lösung ist, auf Tüten weitgehend zu verzichten.

Keine Sorge, ich möchte nicht jeden verpflichten, mit einem fair gehandelten Baumwollbeutel aus biologischem Anbau shoppen zu gehen. Aber nicht jeder Kunde kauft einen Anzug, für den er eine vernünftige Transportmöglichkeit benötigt. Die weit überwiegende Menge der ausgegebenen (Plastik-)Tüten wird einfach überhaupt nicht benötigt:

Kleine Einkäufe kann man problemlos in die Jacken- oder Handtasche stecken. Und Einkäufe im Supermarkt kann man auch in leere Pappkartons packen, die ohnehin schon als Umverpackung produziert wurden und sonst nur weggeworfen werden. In den Kofferraum des Autos kann man sich eine Kiste oder Tasche zum Transport legen. Und wenn man bei einem anderen Einkauf schon eine Tüte erhalten hat, dann kann man oft den Folgeeinkauf auch einfach dazu packen. Wenn das jeder so machen würde, ginge der Verbrauch vermutlich schlagartig auf einen Bruchteil zurück – einfach so.

Also, lassen Sie uns Verantwortung übernehmen und das tun, was so naheliegend und einfach ist – als Kunde und als Händler.


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8 Antworten : “Zu kurz gesprungen – 20 Cent für eine Plastiktüte lösen das Problem nicht”

  1. Martin Ehmer sagt:

    Früher gab es Einkaufsnetze, sehr platzsparend, kaum Gewicht, leider wohl schon vergessen. Aber es gibt ja auch leichte Stofftaschen die kaum etwas kosten, die auch kaum Platz beanspruchen; nostalgische Gedanken?

  2. Hallen sagt:

    Der gute alte Einkaufskorb hat schon Sinn gemacht. Wer benutzt Plastiktüten?
    Einfach nicht mehr anbieten.
    Beobachtung im Supermarkt Portugal: bis vor einem Jahr Plastik ohne Ende. Jetzt gibt es keine Tüten mehr und plötzlich haben alle andere Umverpackungsmöglichkeiten dabei. Nicht jeder Schritt zurück ist ein Rückschritt😏

  3. Jo Dünkelmann sagt:

    Zu kurz gedacht – es geht nicht um 20 Cent.

    Die Frage ist, ob die EU per zwangsverordneter Abgabe den jeweiligen Umweltministerien eine Zusatzeinkunft beschert, oder der Handel den Wahnsinn durch freiwillige Selbstverpflichtungen abwehren kann.
    Das Ziel ist korrekt und überfällig, aber der EU-Weg dahin nicht geeignet, das Ziel zu erreichen – weder im Verbraucherverhalten noch im Handelsgebaren.
    Die EU-Vorgabe ist aber durchaus geeignet, durch Bürokratie und Co. den Handel als Kolateralschaden links liegen zu lassen.
    Deshalb: Selbstverpflichtung als letztes Mittel, bevor die gesetzlich Keule den letzten Sinn der Idee erschlägt.

    • Lieber Herr Dünkelmann,

      Sie wissen, dass auch ich grundsätzlich regulatorischen Eingriffen eher kritisch gegenüberstehe. Dennoch, die Diskussion um Plastiktüten dauert nun schon eher Jahrzehnte als Jahre. Das einzige, was passiert ist, ist, dass es immer mehr Plastikmüll wurde. Nicht nur durch Tüten. Nun wird sogar schon Obst geschält, um in Plastikverpackungen zum Verkauf angeboten zu werden.

      Vor diesem Hintergrund darf es nicht wundern, wenn Die Europäische Union, ebenfalls nicht ohne längere Diskussion, 2014 aktiv geworden ist. Hätten wir alle im Handel – und da schließe ich mich selbstkritisch mit ein – das Problem bei Zeiten gelöst oder uns zumindest mit guten Teilerfolgen darum bemüht, dann wäre es anders gekommen.

      Nun also in allerletzter Minute eine Selbstverpflichtung, die sich auf das Kurieren der Symptome beschränkt. Das ist aus meiner Sicht zu kurz gesprungen – nicht nur in ökologischer Hinsicht. Denn es werden weitere Vorgaben kommen, um den Plastikmüll zu verringern. Wenn Handel und Verbraucher nicht konsequent und zielgerichtet aktiv werden, bleibt im Sinne der Sache keine andere Wahl – leider. Daher bleibt es bei meinem Aufruf, nicht auf weitere Vorgaben und staatliche Eingriffe zu warten, sondern Verantwortung zu übernehmen.

  4. Habe in letzter Zeit, ein paar hervorragende Papiertüten bekommen.
    Stabiler als jede Plastiktüte, die von jeder scharfkantigen
    Wurstverpacken sofort aufgeschlitz wird. Groß, stabil, schick..habe ich schon mehrfach benutzt. 30ct. Prima.
    Ich wäre für Papiertüten.

  5. In Ergänzung: habe gestern bei meinem Herrenausstatter die Business Hemden in ein Papiertüte bekommen, mein Sohn hat seine
    beiden Jeans ohne Platiktüte, locker in der Hand, aus dem Laden getragen.

    Vieleicht ist in der jungen Generation schon ein Umdenken im Gange.
    Gute Aussichten für die Umwelt.

  6. Marc Erdmann sagt:

    Bewusste Platsiktüten-User leben das Motto: falten und behalten.

  7. Barbara Stenken sagt:

    Ihr Bericht zeigt wunderbar, daß das Problem unseres Lebens und unseres Planeten immer weniger beim Bürger liegt. Lebenseinstellungen, die in den 80ern noch belächelt worden sind, werden immer mehr zum Standarddenken des Alltags, weil immer mehr Menschen merken, daß wir unsere Gesundheit und unseren Planeten systematisch kaputt machen, und das ist gut so.

    In unserem beschaulichen Ort Leer, mitten in Ostfriesland habe ich vor ca 15 Jahren schon beobachtet, daß der Bürger brav seinen Müll sortiert. Dann kommt die Müllabfuhr. Alle Müllbeutel (Papier-, Plastik und Restmüll) wurden in einen Müllwagen geworfen und im regelmäßigen Abstand ging die grosse Presse durch den Wagen, die gesammelten Müllsäcke „knallten“ kaputt und jeder Bürger wusste genau, dass auf der Mülldeponie keiner arbeitet, der den Müll erneut sortiert… Vor ein paar Wochen fuhr ich längere Zeit hinter einem Müllwagen her und beobachtete mit Freude, daß diese Lkw`s nun einen 3-Kammer-Einwurf haben. Ich freute mich, daß die private Müllsortiererei nun einen Sinn machte, bis ich merkte, daß dieses 3-Kammer-System nur ein Fake für den Endverbraucher ist, da die Müllbeutel wahllos in diese Kammern geworfen worden sind. Es ist also nur die Optik verändert worden.

    Dazu kommt, daß seit kurzem unser Plastikmüll der Einzige ist, der noch kostenlos ist (!!!). Also: Was ist los mit unserem Planeten? Ist es nicht so, daß die Lobby der Kunststoff verarbeitenden Industrie (genauso wie andere Grossindustrien z.B. der Pharmaindustrie) zu mächtig und zu gierig ist, um überhaupt Interesse an Veränderung zu haben? Im TV sieht man Berichte, wie Delphin- und Walbabys an winzigen Plastikpartikeln qualvoll sterben und parallel dazu „läuft“ ein Bericht, das ein Pullover aus Kunstfaser aus 6 PET-Flaschen hergestellt wird. Mein Mann und ich achten darauf, daß unsere Bekleidung (möglichst) aus Naturfaser ist. Das ist gar nicht so einfach… Wir sind der Meinung, daß wir schon beim Einkauf auf möglichst wenig Verpackung achten und trotzdem haben wir mehr Plastikmüll als alles Andere. Im Alltag bemerke ich, daß immer mehr Menschen in diese Richtung gehen, Flora und Fauna zu schützen, weil sie merken, daß dadurch auch der Mensch gesünder bleibt. Aber irgendwie geht es mir nicht schnell genug! Genau diese Menschen haben noch keine Lobby, die mit der entsprechenden Lobby der Grosskonzerne mithalten kann. Und genau das ist, meiner Meinung nach, das Problem unseres Planeten. Die Menschen wollen keinen Krieg, Krankheit, Bienen die immer kranker werden, Vögel die Tot vom Baum fallen… Die Menschen sehnen sich nach einer „Tagesschau“, die positive Nachrichten verbreitet. Sie sind satt von „Mord und Totschlag“.

    Die dauerhaften negativen Nachrichten schlagen sich auf unser aller Gemüt, sodaß wir uns nicht wundern müssen, das wir immer schlechter gelaunte Kunden im Betrieb haben. Und genau diese Kunden sind so dankbar über ein Lächeln, ein paar positive Worte, Empathie. Ich bin Optiker, kenne mich jedoch sehr gut im gesundheitlichen Bereich aus. Es gibt so perfekte Mittel gegen z.B. Grauer Star, Makuladegeneration, Herzprobleme, Haut-, Brust-, Lungen und Blutkrebs, multiresistente Bakterien, Viren etc. Teilweise sogar komplett ohne Nebenwirkungen. Diese Mittel (z.T. nur Kräutermischungen,von denen man noch nicht einmal in Deutschland die Kräuter kaufen kann!) kann man nur sehr kompliziert irgendwo auf der Welt kaufen.

    Und das ist, glaube ich, das Problem, wo sich der Kreis zur Plastiktüte schliesst: Die meisten Menschen wollen gesund und rücksichtsvoll leben. Sie wollen einen Beitrag leisten zu einer positiven, starken Gesellschaft, aber wir brauchen eine Lobby, die mit den grossen Konzernen mithalten kann. Diese Lobby seh ich noch nicht, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und mache bis dahin in meinem „kleinen Alltagskreis“ weiter.

    Viele Grüße Barbara Stenken

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