Ausstellungsplakat der documenta fifteen - auf lila Hintergrund steht documenta fifteen Kassel, 18. Juni - 25. September. Zusätzlich sind rote Farbflächen aufgedruckt, eine erinnert an gefaltete Hände.

documenta fifteen – Fehlschlag mit Ansage

Wenn die führende Ausstellung für zeitgenössische Kunst scheinbar nur durch ein über zwanzig Jahre altes Werk derart unter Druck gerät, wie dies bei der aktuellen documenta fifteen der Fall ist, dann lohnt ein genauerer Blick: Bedauerlicher Fehler im Detail oder ein in der Struktur und Führung angelegter Fehlschlag mit Ansage?

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Zur besseren Einordnung für alle, die sich eher weniger mit zeitgenössischer Kunst befassen: Das „Museum der 100 Tage“ hat wieder geöffnet und wie alle fünf Jahre blickt und reist die Welt der zeitgenössischen Kunst nach Kassel. Bis zum 25. September findet die documenta in der Nordhessenmetropole statt. Es ist die 15. Ausgabe der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst.

Für mich persönlich ist es die elfte documenta, wenngleich ich gestehe, dass mir die erste, die ich erlebt habe, eher aus dem Katalog im Bücherregal meiner Eltern präsent ist. Bei meiner zweiten documenta saß ich mit anderen Kindern im Kreis neben der Honigpumpe und diskutierte mit Joseph Beuys über dieses Werk und seine Kunst. Das prägt. Auch wenn ich nicht für mich in Anspruch nehme, ein profunder Kenner zeitgenössischer Kunst zu sein, zumindest kann ich sagen, dass ich mich schon länger damit auseinandersetze und mehr als nur Toleranz für manch vermeintlich „schrägen“ neuen Weg der Kunst aufbringe.

Die documenta fifteen – eine wegweisende Ausstellung zeitgenössischer Kunst?

Nun also die documenta fifteen. Anders als sonst hat man sich bei der fifteen dagegen entschieden, die inhaltliche Verantwortung einer Person mit Expertise in zeitgenössischer Kunst und Erfahrung in der künstlerischen Komposition einer derartigen Großveranstaltung zu übertragen. Die Findungskommission entschied 2019, einem indonesischen Kollektiv von rund 80 Personen die inhaltliche und konzeptionelle Verantwortung für die documenta fifteen zu übertragen: ruangrupa. Dieses Kollektiv hat dann ein gutes Dutzend weiterer Kollektive aus zahlreichen Ländern der Welt eingeladen, sich an der Gestaltung der Ausstellung zu beteiligen. Diese Entstehungsgeschichte und Struktur muss man kennen, wenn man nachvollziehen möchte, was geschehen ist und welches „Profil“ die documenta fifteen hat.

Und dieses Profil ist leider kein scharfes. Für mich mutet die fifteen eher an, wie eine interessante, über weite Strecken dokumentarische Präsentation des auf der Welt geschehenden Unrechts und damit auch des globalen Verbesserungsbedarfs. Es geht um Benachteiligung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen in aller Welt, um Vertreibung vom eigenen Land, um durchaus spannende Fragestellungen der Inklusion; es geht um die Auswirkungen des Gebrauchtkleidungsmarktes, globalen Abfalltourismus, um Unterdrückung der Kunst- und Meinungsfreiheit in Kuba, um Kolonialismus und Imperialismus – und um viel anderes Unrecht mehr.

Man möge mich nicht falsch verstehen: Es ist sicher gut und wichtig, für all dies eine Plattform zu schaffen und den Betroffenen sowie den Aktivisten eine Stimme zu geben. Aber ist es wirklich das, was eine alle fünf Jahre stattfindende Weltschau der zeitgenössischen Kunst dominieren sollte? Ich sage „nein“, und das ausdrücklich, ohne den Themen Relevanz abzusprechen. Dabei verkenne ich auch nicht, dass Kunst sehr oft gesellschaftskritisch und auch anklagend ist. Aber auch Menschen, die deutlich mehr als ich von zeitgenössischer Kunst verstehen, fällt es bei vielen Exponaten schwer, den besonderen künstlerischen Wert, das Neue und Richtungsweisende zu erkennen – und genau das sollte man von einer documenta erwarten können.

Auch bei einem sehr erweiterten Kunstbegriff ist das Erlebte zu oft zu wenig als Kunstwerk überzeugend und inspirierend. Wer beeindruckende Skulpturen und Projekte a la vertikaler Erdkilometer, Stadtverwaltung, Rahmenbau oder Laserprojekt Landscape Kassel erwartet, der wird nicht fündig und enttäuscht. Wer herausragende Videoinstallationen sucht, der findet über weite Strecken eher dokumentarische Werke. Und wer sich auf spannende neue Wege in der Digitalkunst freut, der wird ernüchtert sein. Und das zieht sich so durch das Event in voller Breite und Tiefe.

Die documenta fifteen ist aus meiner Sicht in weiten Zügen Etikettenschwindel und primär keine gelungene Ausstellung zeitgenössischer Kunst, sondern eine streckenweise eindrucksvolle und bewegende Aktivismus-Plattform, an der auch Kunstschaffende teilnehmen. In Summe macht es mehr den Eindruck, dass die Werke konzept- und zusammenhanglos, völlig ungesteuert in die Ausstellung gerutscht sind und die Qualität der Werke und damit in künstlerischer Hinsicht der gesamten Veranstaltung systematisch dem Zufall überlassen wurde. Pointiert formuliert: eine interessante Veranstaltung, aber keine Leitmesse zeitgenössischer Kunst.

Antisemitismus auf der documenta fifteen – bedauerlicher Unfall oder Organisationsversagen?

Fernab von dieser beliebig schweren Diskussion, was Kunst ist, und ob die Ausstellung insoweit dem Anspruch gerecht wird, sticht die documenta fifteen aber leider auch in anderer Hinsicht negativ hervor:

Bereits im Vorfeld der Eröffnung gab es deutliche und breite Kritik aus dem gesellschaftlichen Raum. Insbesondere wurden Hinweise auf Antisemitismus laut. Das wurde quasi kollektiv leichtfertig und bestenfalls blauäugig zurückgewiesen. In Ermangelung klarer Verantwortlichkeiten hat es dann dazu geführt, dass eines der prominentesten Kunstwerke unbestreitbar abscheulich antisemitische Symbolik verwendet. Ein einziger kritischer Blick eines verständigen Verantwortlichen, der sich im Europäischen Kulturraum bewegt, hätte reichen müssen, um das frühzeitig zu erkennen.

Es ist schon fast sinnbildlich für die mangelnde Professionalität, dass das streitige Werk selbst bereits häufiger außerhalb Europas ausgestellt war und 20 Jahre alt ist – auch das erstaunlich für die führende Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Niemand hat sich offenkundig die Mühe gemacht, sich vorab verantwortungsvoll damit zu beschäftigen. Ein sträflicher Fehler – leider einer mit Konsequenzen.

Nun ist es keineswegs so, dass jenseits aller Diskussionen um den Begriff „zeitgenössische Kunst“, Werke heute oder gestern geschaffen worden sein müssen. Aber wenn ein Exponat schon in diesem Sinne nicht aktuell ist, dann sollte es wenigstens bedeutend und richtungsweisend sein, um auf einer derartigen Leitausstellung gezeigt zu werden. Fernab von allen Diskussionen um Antisemitismus wurde das jedoch in der Diskussion kaum ernsthaft behauptet. Und genau hier liegt einer der Schwachpunkt der documenta fifteen. Dieses Exponat steht sinnbildlich für vieles, was diese documenta in ihrer Unprofessionalität ausmacht.

Wenig überzeugend ist es auch, wenn sich Kulturpolitiker und -politikerinnen in Land und Bund entrüstet zeigen. Die documenta fifteen ist das Ergebnis eines Organisationsverschuldens mit fehlender Verantwortlichkeit und mit Kompetenzdefiziten. Ein Fehlschlag, der genau so vorprogrammiert war:

Die Findungskommission, die die künstlerische Leitung kürte, wurde vom Aufsichtsrat der documenta eingesetzt – und dieser Aufsichtsrat besteht aus Politikerinnen und Politikern von Stadt, Land und Bund. Wer als Entscheidungsträger eine Findungskommission mit Generalvollmacht ernennt, und dabei keine Kontroll- und Überwachungsfunktionen einbaut, der darf sich nicht wundern, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen.

Man stelle sich vor, der Aufsichtsrat eines börsennotierten Konzerns setzt eine extern besetzte Kommission ein, die über die Konzernstrategie entscheidet und den Markenkern für die nächsten fünf Jahre definiert. Und egal was diese Kommission entscheidet, wird dann ohne kritischen Blick umgesetzt. Weitergedacht: Man stelle sich vor, dieser Aufsichtsrat ignoriert auch viele frühen Warnhinweise und läuft unbeirrt ins Verderben, am Ende wird der Markenkern beschädigt und das Produkt verliert an Bedeutung, die Reputation leidet massiv – und keiner greift rechtzeitig ein. Dieses krasse Organisationsverschulden hätte wohl erhebliche Konsequenzen.

Der Schaden durch dieses Versagen des Aufsichtsrates der documenta fifteen ist groß und vielfältig. Woran viele am wenigsten denken: Die Künstlerinnen und Künstler des nach zu langem Zaudern auf allen Ebenen letztlich richtiger Weise demontierten Werkes monieren, dass sie niemand rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht habe. Das mag merkwürdig anmuten, aber wer weit gereist ist, der weiß, wie wenig Sensibilität in vielen Ländern gegenüber Antisemitismus besteht, leider. Das gilt für die Künstler und Künstlerinnen ebenso wie für das Kollektiv ruangrupa.

Aber Antisemitismus ist eben nicht nur in einem besonderen Kontext Antisemitismus. Einzig der Grad der Sensibilität kann kulturell ein anderer sein. Antisemitismus bleibt immer Antisemitismus. Wie gesagt, ein einziger verständiger Blick eines durchschnittlich sensiblen Menschen unseres Kulturraumes hätte gereicht, um die Verwerflichkeit zu erkennen und die Zurschaustellung der antisemitischen Beleidigung zu vermeiden. Er hätte auch gereicht, um die Kunstschaffenden nicht in das offene Messer laufen zu lassen und um massiven Schaden von documenta, Stadt und Land Hessen sowie von Deutschland abzuwenden.

Das Versagen liegt jedoch nicht nur auf der inhaltlich gestaltenden, künstlerischen Ebene. Auch das ebenfalls durch den Aufsichtsrat eingesetzte Management der documenta fifteen hat im Umgang mit der Situation gravierende Mängel offenbart. Und man muss leider sagen, dass es unverändert so ist. Viel zu lange wurde abgewimmelt, gezögert, schöngeredet und die Dimension nicht erkannt. Viel zu lange wurde kein kritischer Dialog mit ruangrupa geführt und die Rechtfertigungsversuche wurden weder eingeordnet noch zurückgewiesen. Im Gegenteil, sie wurden teilweise geteilt. Die Entfernung des Exponates erfolgte in der öffentlichen Wahrnehmung mehr aufgrund des externen Drucks und nicht aus Überzeugung. Sträflich wurde es auch unterlassen, sofort alle anderen Exponate zu untersuchen und angemessen zu reagieren. Unprofessionelles Verhalten und Fehler reihen sich aneinander.

Vor diesem Hintergrund verwundert es leider auch wenig, dass der überfällige Rücktritt der Generaldirektorin der documenta fifteen viel zu spät und erst nach quälend langer Debatte erfolgte – genau wie die Entschuldigung seitens des Künstlerteams und ruangrupa. Im „besten“ Fall ist das lediglich ein Zeichen für fehlende Sensibilität, eingeschränkte Professionalität und mangelhafte Beratung. Im schlechtesten Fall ist es ein Zeichen für Mängel im persönlichen Wertesystem, manifestiert in einer unzureichenden intrinsischen Motivation, antisemitischen Stereotypen keine Bühne zu bieten.

Aber auch wer glaubte, mit der Berufung eines neuen Generaldirektors der documenta fifteen sei das Problem endlich gelöst, der sah sich im Irrtum. Die Beobachter ließ es zunächst positiv aufmerken, dass eine Expertenkommission eingesetzt wurde, die fachwissenschaftlich das Thema begleiten soll. Die gewiss nicht leichte Aufgabe: Im Kontext der Grenzziehung zwischen Kunstfreiheit und Antisemitismus Positionen und Leitlinien erarbeiten. Wenn sich jedoch führende Verantwortliche der documenta fifteen in dieser Situation, bereits vor Aufnahme der eigentlichen Kommissionsarbeit, eindeutig zu diesen Grenzen positionieren und vorab Verhaltensleitlinien für die Zukunft festlegen, dann weckt das einmal mehr Zweifel an der Ernsthaftigkeit. Etwas mehr Demut und Zurückhaltung wären gewiss besser gewesen, als unter neuer Führung weiterhin mit einer derart ausgeprägten Hybris durch den Porzellanladen zu trampeln.

Das traurige Fazit

Was von der documenta fifteen bleiben wird, wird leider vor allem die Erinnerung an Antisemitismus im Rahmen einer bedeutenden Kunstausstellung sein, die so richtig keine war. Ausgelöst durch Fehlentscheidungen in der Konzeption, hervorgerufen durch Organisationsverschulden und gravierende Mängel in der Krisenbewältigung – und all das verursacht durch ein wohl überfordertes und nicht angemessen beaufsichtigtes Management. Mit anderen Worten: Fehlschlag mit Ansage.

Ein Kommentar

  1. Auf den Punkt gebracht, Herr Ehmer!
    Was bei der documenta fifteen vorgefallen war, es ist eine traurige Erkenntnis!

    Nur zwei Beispiele aus unsere Gesellschaft:

    -Lehrerin eines Gymnasiums nach einer Filmdokumentation in einem Workshop zum Thema Auschwitz und Holocaust -Gedenken in Duisburg
    „Müssen wir diese Geschichte immer wieder durchkauen? Ich kann das nicht mehr hören!“
    -Aus einem Gespräch über den Holocaust mit mehreren Gästen einer Abendgesellschaft in einem angesehenen Club in Hamburg
    „Wir können doch nicht nach vorne schauen, wenn wir immer wieder nur über die Vergangenheit reden müssen – das muss doch irgendwie mal zur Ruhe kommen.”

    Sind Teile unsere Gesellschaft von Intoleranz, Hass oder von zerbröckelter Menschenliebe geprägt?
    Das ist eine Frage die wir jeder Zeit stellen müssen.
    Kann die Entfernung des Gemäldes “People’s Justice”von Künstlerkollektiv Taring Padi, oder die Entlassung der documenta-Geschäftsführerin Sabine Schormann, eine Wiedergutmachung ans Tageslicht bringen?

    Es ist und war nie eine Welt, wo alle Menschen willkommen sind!
    Machen wir große Schritte in Richtung einer Dystopie, oder leben wir bereits in einer?

    Herzliche Grüße
    Diana Becker

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