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Schwarmdumm

Manch einer liest gerne Sachbücher, um das zu lesen, was er ohnehin schon weiß. Das kann bequem sein: Man geht bestärkt aus der Lektüre hervor, fühlt sich in seiner Sicht bestätigt. Und wenn es gut läuft, erhält man zusätzliche Argumente, die das eigene Weltbild untermauern. Konservative lesen konservative Bücher, Christen lesen christliche Bücher und Weltverbesserer lesen systemkritische Bücher. Sicher bildet auch diese Lektüre, aber doch allzuoft eher eindimensional.

Möchte man den Horizont erweitern, so muss man diese Komfortzone verlassen. Man sollte sich mit etwas auseinandersetzen, das nicht nur die eigene Sichte der Dinge bestätigt, sondern den Horizont erweitert und zum Nachdenken und Überprüfen der eigenen Sicht anregt. Der Christ sollte also nicht nur die Bibel, sondern auch den Koran lesen. Davon wird man nicht zum Muslim, aber man versteht den Anderen besser, erkennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede, und ist weniger anfällig für Stereotype aus der Sekundärliteratur oder Vorurteile.

Sie wollen etwas lesen, an dem Sie sich zumindest auch reiben können? Bitteschön, meine Empfehlung:

Gunter Dueck: Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam

Schwarmdumm„Schwarmdumm“ als Titel und dazu dieses Buchcover: das verspricht eine anregende Lektüre. Schon öfter habe ich im Stillen darüber sinniert, wie weit es mit der Schwarmintelligenz wirklich her ist. Einerseits gibt es beeindruckende Beispiele, andererseits aber auch genug Massenirrtümer, die das Gegenteil zeigen. Gunter Dueck gibt in seinem Buch eine scharfe Einschätzung zu diesem Thema – und viel mehr.

Sicher hätte ich „Schwarmdumm“ nach den ersten fünfzig Seiten aus der Hand gelegt, wenn ich Sachbücher lesen würde, um Bestätigung für das zu suchen, was ich ohnehin weiß und denke. Dieses Buch ist unbequem. Es regt zum Nachdenken an, zur kritischen Selbstreflexion, manchmal auch zum Widerspruch. Langweilig wird es nie.

Über weite Passagen übt Dueck scharfe Kritik am System. Sein Credo: Wo das Faustprinzip herrscht und diese Masse sich dummdreist durchsetzt, wird allzuoft verkürzend und dumm vereinfacht. Seine Kritik an der Führung und Funktion gerade von Großunternehmen ist heftig. Sie lebt in der Veranschaulichung sicher auch von Überzeichnung. Aber wer große Unternehmen und ihre Funktionsmechanismen aus der Innensicht kennt, der kann kaum bestreiten, dass die Kritik in vielen Punkten durchaus berechtigt ist. Charakterstarke unter den Lesern werden sich sogar eingestehen müssen, den einen oder anderen der beschrieben Fehler selber schon begangen zu haben.

Die folgenden Kapitelüberschriften sind ebenso vielsagend wie exemplarisch für den Inhalt:

Dauertagesgeschäft verliert den Sinn für First Class

Statistiknieten suchen nach der simplen Erfolgsregel

Wir heizen das Thermometer auf, damit der Chef weiß, dass es draußen warm ist

Wir kommunizieren wie beim Turmbau zu Babel

Also, wenn Sie offen dafür sind, sich kritisch mit diesem Themenkomplex und sich selbst auseinanderzusetzen, dann empfehle ich Ihnen „Schwarmdumm“ als anregende Lektüre.

 

Gunter Dueck, Schwarmdumm – so blöd sind wir nur gemeinsam, Campus Verlag 2015, ISBN 978-3 -593-50217-5. Link zum E-Book: hier klicken.


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1 Antwort : “Schwarmdumm”

  1. Ralf Aigner sagt:

    Vielen Dank für die Buchempfehlung steht jetzt ganz oben auf meiner to-read Liste.
    Zu dem Thema auch zu empfehlen ist „Die Kunst des klaren Denkens“ von Rolf Dobelli. Führt Anhand anschaulicher Beispiele typische „Denkfallen“ unseres Jäger und Sammler Hirns vor. Hilft ungemein sich eigenen Denkfehlern bewusst zu werden uns sie in der Zukunft zu vermeiden.

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