Lasst uns laut sein

Pünktlich zum Jahreswechsel fassen dieser Tage viele Menschen gute Vorsätze für 2019. „Gesünder ernähren“ ist sicher der Klassiker, der dann zumeist konsequent nicht umgesetzt wird. Schade – es wäre bestimmt sinnvoll. Aber vielleicht klappt es ja mit einem Vorsatz, für den man nicht auf Genuss verzichten muss. Dafür habe ich einen Vorschlag:

Lasst uns laut sein!

„Laut“, warum denn „laut“, mögen Sie sich nun fragen. Dazu gibt es eine treffende Aussage der Autorin und Satirikerin Sarah Bosetti: „Die Menschheit als ganze klingt so dumm, weil man immer nur die Schreihälse hört“ (sehr sehenswert, Link am Ende dieses Textes).

Dass oft diejenigen laut sind, die besser leise wären, gilt für zahlreiche Lebensbereiche. So sind die Menschen, die penetrant „Lügenpresse“ skandieren, eine lautstark irrende Minderheit. Die schweigende Mehrheit hingegen ist froh, dass es in Deutschland eine freie Presse gibt – sie verteidigen diese nur leider nicht gleichermaßen energisch. Zugegeben, nicht jeder Artikel und Bericht ist gut recherchiert, nicht jedes Medium ist seriös und leistet qualitativ hochwertige Arbeit. Aber in Summe und in ihrer Vielfalt ist die freie Presse ein elementarer Bestandteil unserer freiheitlichen Grundordnung. Was bitte soll die Alternative sein? Die gleichen Schreihälse, die auf Social Media Kanälen gespickt mit Hasstiraden Fehlinformationen verbreiten und nach Spaltung trachten?

Das Phänomen, dass die Falschen „laut“ im Sinne von besonders wahrnehmbar sind, ist übergreifend. Wer hat noch nie in einer Besprechung gesessen und sich gefragt, warum bitte gerade dieser Kollege alle übertönt, obwohl er nicht ernsthaft etwas Gehaltvolles zum Thema beizutragen hat – und warum gleichzeitig andere schweigen, die besser „laut“ wären?

Damit sind wir dann auch beim guten Vorsatz für 2019 angekommen. Seien Sie „laut“ und verschaffen Sie sich Gehör, wenn Sie etwas Substantielles beizutragen haben. Lassen Sie es sich nicht mehr gefallen, dass Schreihälse oder Ahnungslose ein falsches Bild zeichnen und andere „anstecken“!

„Laut sein“ in diesem Sinne kann viele Facetten haben.

Am Offenkundigsten ist sicher, zu widersprechen, wenn jemand Unfug sagt, ein klares „Halt“ zu senden, wenn jemand Grenzen verletzt, lautstark andere beleidigt oder anderweitig verbal übergriffig wird. Es bedeutet aber auch, sich an einer Diskussion zu beteiligen und seine Meinung beherzt zu vertreten, um etwas positiv mit zu gestalten, statt hinterher über ein schlechtes Ergebnis zu lamentieren. Das Ziel für 2019 sollte es sein, verstärkt in den Dialog zu gehen, mit dem Bestreben, die Schreihälse „einzufangen“, gemeinsam mit ihnen ein zutreffendes Bild zu entwickeln und positiv zu gestalten. Es geht nicht vorrangig um pure Konfrontation. Gefordert ist zumindest das ernsthafte Bemühen, derartige Konflikte zu lösen und neue zu vermeiden.

Aber es gibt noch mehr wichtige Gelegenheiten, um im übertragenen Sinne laut zu werden. Sollte nicht jeder, der gerne für sich vernünftige Arbeitsbedingungen haben möchte, versuchen, mit seinem Einkaufsverhalten einen Beitrag dazu zu leisten, dass andere auch vernünftige Arbeitsbedingungen haben? Und das geht nicht, wenn eine Bluse nur zehn Euro kostet. Noch weitergehender: Auf der einen Seite begeisterter Amazon-Prime-Kunde zu sein passt nicht damit zusammen, sich auf der anderen Seite über die zunehmende Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse in Logistik und Transport sowie über zahllose stinkende Kleintransporter in den Straßen zu beschweren.

Also, wenn Sie noch nach einem sinnvollen Vorsatz für 2019 suchen: Seien Sie im vorbeschriebenen Sinne LAUT – auf ein gutes Jahr 2019!

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Herzlichen Dank an Piero Masztalerz für die Erlaubnis, seinen Cartoon abzubilden. Mehr von ihm auf Facebook unter
https://www.facebook.com/masztalerz.cartoons

Hier der versprochene Link zu Sarah Bosetti, Dumme laute Welt: https://youtu.be/xv6s10R4NuE

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