Verantwortung übernehmen!

Atemberaubend, das umschreibt die Entwicklung gut, die wir aktuell in unserer Gesellschaft erleben. Vieles, was gestern noch breiter Konsens zu sein schien, wird heute von Einigen offen frontal angegriffen. Eine solche Entwicklung ist grundsätzlich nichts Neues, wie ein Blick in die Geschichte verrät. Der Blick in unsere Geschichte verrät aber auch, was passieren kann, wenn man Exzessen nicht rechtzeitig entgegentritt und „Dinge geschehen lässt“.

Rote Linien verschieben sich wenn Tabus gebrochen werden und die Mehrheit statt aufzuschreien, träge oder gar gleichgültig zuschaut. Wenn fundamentale Werte unseres Zusammenlebens angegriffen werden, wenn das Wertesystem des Grundgesetzes mit Füßen getreten wird, dann ist mehr als nur höchste Aufmerksamkeit geboten.

In diesem Sinne hatte ich diese Woche ein alarmierendes Erlebnis:

In einer Dialogrunde mit Filialleitern stellte eine Filialleiterin, sichtlich verunsichert, eine Frage: Sie habe einen Mitarbeiter mit dunkler Hautfarbe und erlebe immer häufiger, dass dieser lautstark von Kunden diskriminierend behandelt und auf das Übelste rassistisch beleidigt werde. Kunden wollen von ihm wegen seiner Hautfarbe nicht bedient werden. Sie beschimpfen ihn als Affe, der gefälligst zurück in den Urwald gehen solle… (und noch Schlimmeres, das ich Ihnen ersparen möchte). Der betroffene Mitarbeiter selbst trage es zwar mit Fassung und sage ihr, das höre er öfters – aber unwohl fühle sie sich deswegen trotzdem.

Auch andere Filialleiter bestätigten: Das passiere auch in ihren Läden. Und in letzter Zeit sogar immer häufiger. Meine Antwort auf die Frage der Filialleiterin war eindeutig: „Schmeißen Sie den Kunden raus bei derart offenem Rassismus, erteilen Sie ihm Hausverbot – wir verzichten auf den Umsatz!“

Über meine Aussage musste ich nicht lange nachdenken – und das aus zwei Gründen: Das Naheliegendste ist, dass der betroffene Mitarbeiter uns als Mensch wichtig ist. Er soll erleben, dass wir hinter ihm stehen, indem wir uns vor ihn stellen – selbst wenn er das nicht offensiv einfordert. Aber es geht um noch mehr: Führungskräfte tragen nach meinem Verständnis eine Verantwortung, die über den unmittelbaren Arbeitsinhalt hinausgeht. Diese Verantwortung besteht nicht nur gegenüber den Mitarbeitern, den (anderen) Kunden und dem Unternehmen, sondern auch gegenüber der Gesellschaft. Wer als Führungskraft vorangeht, der trägt auch Verantwortung dafür, dass es eben nicht zu solchen Exzessen kommt, dass all das nicht zur geduldeten Normalität wird und dass das Fundament unseres Zusammenlebens geschützt wird. Auch insoweit sollten Führungskräfte selbstbewusst mit gutem Beispiel vorangehen.

Die „rote Linie“ mag manchmal schwer zu definieren sein. Aber bei derart offenem Rassismus ist die „rote Linie“ eindeutig überschritten. Das hat nichts mit der zulässigen (und vorzugsweise sachlich zu führenden) Diskussion darüber zu tun, wie gut oder schlecht unsere Migrationspolitik ist. Es geht um das, was in Artikel 1 des Grundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Und es ist eben nicht nur Aufgabe des Staates, die Menschenwürde zu achten und zu schützen. Es ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen, der in diesem Staat leben möchte und damit Teil dieses Staats sein möchte. Das gilt natürlich ganz besonders für diejenigen, die in unserer Gesellschaft eine Führungsrolle innehaben – egal ob in Politik oder Wirtschaft.

In diesem Sinne: Übernehmen auch Sie Verantwortung und sagen Sie klar „Stopp, das akzeptiere ich nicht“!

7 Kommentare

  1. Danke Herr Dr. Ehmer, schön dass es so denkende im Land wie Sie es noch gibt! Ich habe in den letzten zwei Jahrzehnten im Handel auch meine Erfahrung gemacht, jedoch kann ich ein Erlebnis nicht vergessen. Ich war in einem Elektrofachgeschäft als Führungskraft tätig und nach einer Personaleinstellung bekam ich von der Geschäftsführung ein Anruf, wo ich gebeten wurde dies nicht falsch zu verstehen, jedoch sollte ich nicht soviel Südländer einstellen. Es war in dem Moment ein Gefühl, das ich nicht so ganz beschreiben kann. Ich fühlte mich fremd und war fassungslos!!!

  2. Auch ich habe eine ähnliche Situation in der Filiale erlebt, allerdings zwischen zwei Kunden, plötzlich war lautstarkes Geschrei durch alle Etagen zu hören, ich eilte sofort nach unten, wo ich auf einen wutentbrannten Kunden traf der mich anschrie im UG sitzt ein Nazi und das ließe er sich nicht gefallen und was das für ein scheiß Laden sei. Ruhig aber bestimmt habe ich den Kunden gebeten entweder den Laden zu verlassen oder die Etage zu wechseln. Immer noch wütend folgte er mir in die Damenetage und legte sich dort sofort mit dem nächsten Kunden an ich musste wiederum einschreiten und gab dem Kunden dann einen Termin für den nächsten Tag, da es wohl nicht der richtige Tag für ihn wäre eine Brille zu bestellen, zum Glück akzeptierte der Kunde meine Entscheidung und verließ dann den Laden.
    Soviel Wut und Hass ist echt erschreckend.

  3. Bravo, Dr. Ehmer. Bei allem Verständnis für die Ängste von vielen verunsicherten Menschen: Offener Rassismus ist kein Phänomen, das durch das Handeln irgendeiner Regierung erzeugt wird. Rassismus ist eine Frage der inneren Haltung eines jeden einzelnen Menschen. Gut, dass es Unternehmen gibt, die hier klare Grenzen ziehen. Ein weiteres gutes Beispiel gibt es auch mitten in Sachsen, in der „Uhrenstadt“ Glashütte, wo sich der Uhrenhersteller Nomos sehr klar in einem offenen Brief der Geschäftsleitung positioniert:
    https://nomos-glashuette.com/media/pdf/3f/8a/6f/Offener_Brief_Bundestagswahl_2017_AfD.pdf

  4. Danke an Sie, Dr. Ehmer, für das Aufgreifen dieses wichtigen Themas. In dieser Zeit scheinen- vor allem in Politik und Gesellschaft- die Grenzen des Zumutbaren auf eine harte Probe gestellt zu werden. Leider nicht zum Vorteil des Zusammenhaltes in der Gesellschaft. Führungskraft und Entscheider zu sein heißt vor allem auch „Vorbild“ zu sein, eben nicht nur fachlich, sondern vor allem auch ethisch- moralisch. Was wir tun, sagen und zeigen spricht sich herum, intern und extern. Von daher verkörpern wir jederzeit etwas Weitreichendes, genau so wie auch als Eltern. DIE Politik und DIE Gesellschaft- das sind wir selber. Herzliche Grüße

  5. Großartig geschrieben! Leider ist vielen anderen Unternehmen und Unternehmen der Kunde und Umsatz noch wichtiger als das Wohl der eigenen Mitarbeiter. In diesem Sinne kann man jedem nur einen Blick in diesen Beitrag empfehlen.

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