Jörg Ehmer

Eigenverantwortung ersetzt Gesetzeszwang

Die aktuelle Debatte in Deutschland, Arbeitgeber gesetzlich zu zwingen, Homeoffice zu ermöglichen, ist für mich wie für viele andere Unternehmer und Unternehmen eine Scheindebatte. Bereits seit November kommen die Mitarbeiter von Apollo soweit es irgend geht nicht mehr in das Büro. Außerhalb der Produktion und der systemrelevanten Filialen wird bei Apollo zu über 90% im Homeoffice gearbeitet. Jeden Tag, seit Monaten. Wir haben einige hundert Büromitarbeiter bei der Ausstattung ihres Homeoffices unterstützt und machen alles, um sie bei der Kontaktvermeidung zu unterstützen.

All dies tun wir nicht, weil uns ein Gesetzgeber zwingt, sondern weil es unserem Verständnis von Verantwortung und unseren Werten entspricht. Und dazu zählt auch, dass wir für die vereinzelt anwesenden Mitarbeiter strengere Regeln haben und bessere Schutzvorkehrungen treffen, als es zwingend in Gesetzen festgeschrieben ist: Mehr Abstand, professionelle Luftreiniger mit Desinfektionsfunktion, gestellte FFP2-Masken inklusive Tragepflicht auf den Gängen und vieles mehr.

Da ich weiß, dass viele Unternehmen in Deutschland genauso denken und handeln, irritiert mich der Ton der öffentlichen Debatte. Vereinzelte starrköpfige Arbeitgeber auf der einen Seite führen zu raumgreifenden Pauschalverurteilungen auf der anderen Seite. Aus dem Nichts kommen Parolen, die an dunkle Klassenkampfzeiten erinnern, während gleichzeitig manch fehlgeleiteter Lobbyverband den Eindruck erweckt, die Welt ginge unter, wenn Menschen nicht mehr täglich ins Büro kommen. Wahr ist gleichzeitig auch, dass zwar mehr aus dem Homeoffice geht, als viele glauben, aber eben auch nicht alles. Etwas mehr Maß, Differenzierung und nüchterne Sachlichkeit täten der Debatte gut.

Meine Erfahrungen mit der mobilen Arbeit sind sehr positiv. Das ist für mich eine der wesentlichen Erkenntnisse aus 2020. Die weit überwiegende Zahl der Mitarbeiter arbeitet im Homeoffice höchst engagiert – und das unter zum Teil extrem schweren Bedingungen. Hierfür müssen wir ihnen und ihren Familien dankbar sein. Ich bin dankbar. Auch daher ärgere ich mich über die unangebrachten impliziten Unterstellungen derjenigen, die auch da, wo es mit etwas gutem Willen möglich wäre, kein Homeoffice zulassen wollen.

Wer so handelt, der verhält sich in Pandemie-Zeiten nicht nur der Gemeinschaft gegenüber unsolidarisch, er gefährdet auch die Gesundheit seiner Mitarbeiter. Sehr vielen Unternehmern ist das klar, und für sie ist es daher auch selbstverständlich, dass sie die Corona Situation zum Anlass nehmen, die ohnehin erfolgende Veränderung der Arbeitswelt aktiv zu beschleunigen. Wer sich selbst in dieser Situation noch der Öffnung für Homeoffice komplett verweigert, der wird morgen im Wettbewerb um gute Mitarbeiter auf dem Abstellgleis landen – und das zu Recht.

5 Kommentare

  1. Lieber Jörg,
    Du hast ja Recht. Auf der anderen Seite haben zum Beispiel die Ministerien in Sachsen kaum Mitarbeiter im Homeoffice – und sie haben dafür 1000 Ausreden.
    Ich bin sehr gespannt, wie die jetzt mit dieser neuen Regelung umgehen. Sachsen hat ja bei Corona etwas zu verbessern.
    Herzliche Grüße Hartmut

    1. Ja, lieber Hartmut, Du hast Recht: es wäre gut, wenn auch die öffentlichen Arbeitgeber einen Weg finden. Gerade von einem modernen Bundesland mit ausgezeichneter Bildung, vergleichsweise guter Digitalinfrastruktur und einer selbstbewussten Staatsregierung darf man erwarten, dass der eigenen Aufforderung an Arbeitgeber bestmöglich Folge geleistet wird.

  2. Hallo Jörg, wie immer eine treffsichere Analyse. Die verschiedenen Verlautbarungen zur Einführung einer gesetzlichen Pflicht (Hubertus Heil u.a.) sind nichts anderes als purer Aktionismus, um der Bevölkerung vorzutäuschen, wie man doch alles im Griff. Das Gegenteil ist der Fall. Schlagzeile heute in der LVZ: Die Stadtverwaltung Leipzig bietet kaum Homeoffice. So auch bei vielen anderen Einrichtungen der öffentlichen Hand. Beim Finanzamt arbeitet man zwar teilweise im Homeoffice, hat aber dann keinen Zugriff auf alle erforderlichen Informationen, weil es noch keine komplette digitale Akte gibt. Die Behörden im Freistaat Sachsen sind, wie Hartmut Kremling anmerkte, auch nicht besser, weigern sich aber gleichzeitig standhaft, Außentermine (im Freien) wahrzunehmen, wenn es um die Abstimmung der Mitnutzung von Mobilfunkmasten geht. Man igelt sich also im Büro ein.

  3. Lieber Jörg,
    ich könnte es nicht treffender beschreiben. Du hast es einfach mal wieder auf den Punkt gebracht. Ich habe mich auch bereits sehr darüber geärgert. Vodafone ist praktisch seit Mitte März letzten Jahres nahezu zu 100% im Homeoffice. Wir haben alles Mögliche getan, um diese Umstellung für unsere Mitarbeiter so gut und einfach wie möglich zu gestalten und erhalten dafür auch von unseren Teams sehr positive Rückmeldungen. Gleichzeitig weiß ich, als ein Beispiel, aus dem privaten Umfeld, dass die Finanzverwaltung NRW ihre Mitarbeiter und Beamten nicht nach Hause schickt. Begründung (Zitat): „Die dafür notwendige flächendeckende Beschaffung von Softwarelizenzen sei zu teuer“. Das sagt der gleiche Staat, der z.Zt. wöchentlich mehrere Milliarden an Hilfszahlungen beisteuert. Und dann erdreisten sich Vertreter desselben Staates die Wirtschaft und verantwortlich handelnde Unternehmer unter Generalverdacht zu stellen sie würden nicht für ausreichend Homeoffice sorgen. Das macht mich (fast) sprachlos.

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